Beitrag 
Fränkisch-schwäbische Grenzwanderungen . 1
Seite
275
Einzelbild herunterladen
 

Der rote Hahn

275

Verschnörkelten Malereien, Kopftücherfür Freud und Leid", dunkel auf der einen Seite, auf der andern hell und bunt. Indem sie eine der Trachten vor­zeigt, erzählt mir die Frau, die mich führt, sie habe das alte Weiblein gekannt, das dieses Kleid getragen habe. Vor sechs Jahren sei es gestorben und mit ihm die Tracht.

Über Tal und Städtlein ist eine Gruppe breitwipfliger Lindenbäume ge­wachsen. Holzbänke stehen an den rissigen Stammen, versessen und schiefgelehnt. Dort sitze ich nun, umblüht und umduftet, und will den Abend schlürfen wie einen köstlichen Wein. Auf den Turmspitzen unter mir ruht noch das warme Gold des Tages. Aus nahem Walde zieht ein heimkehrender Mädchenschwarm singend vorbei an meiner Bank. Bald wird der Sang, ein fränkisches Volkslied, im Tale untertauchen.

Der rote Hahn

Von Palle Rosenkrantz. Deutsch von Zda Anders

(Fortsetzung)

Drittes Kapitel. Deichhof

s war der letzte Tag der Herbstpfändungen. Sie pflegten mit einer Pfändung auf Deichhof abzuschließen. Gutsbesitzer Hilmer war nicht der Mann, der bezahlte, ehe er es nötig hatte, er steckte sehr tief darin, und mit Steuern und Zinsen hielt es schwer. Es ruhte auf dem zusammengeschlagnen Besitz eine sehr bedeutende Kornabgabe an die Pfarrei der Stadt, und all die kleinen Erdstückchen, die bei der Trockenlegung des Fjordes zn Feldern gemacht worden waren, konnten den Lasten, die auf ihnen ruhten, nicht entsprechen. Außerdem war Hilmer kein richtiger Landmann. Er sprach große Worte über die Landwirtschaft und war selbstver­ständlich klüger als alle andern in der Theorie. Aber in der Praxis ging es immer verkehrt. Seine vortrefflichen Düngungstheorien verursachten ihm gewaltige Ausgaben, seine Futtertheorien trugen ihm Milchverlust ein, die Schlächter betrogen ihn nach Noten, und die Kaufleute kauften sein Korn für ein Butterbrot, weil er immer verkaufen mußte, wenn ein Käufer in der Nähe war. Groß, blond, brav, offen und gesprächig ging der Gutsbesitzer Hilmer auf seinem zusammengeschlagnen mittelgroßen Gut umher, mit Büchse und Hund in der Jagdzeit, mit Wasserstiefeln und Stock in der Schonzeit.

Er knauserte am unrechten Ort und hatte deshalb seine Leute selten lange; er hielt auf rittergutsmäßigen Zuschnitt bei einem mittelgroßen Hof und schob immer die Schuld auf die Verhältnisse. Jahr für Jahr zehrte er das Vermögen seiner Gattin auf. Er selbst war der Sohn eines Halbbesitzers, während seine Frau die Tochter eines reichen Gutsbesitzers war.

Es wurde immer schlimmer für Hilmer; er hatte allerorten Schulden, half sich bei den Terminen nur mit Viehauktionen und großen Vorschüssen auf Zucker­rüben durch, glitt allmählich und ohne daß er es selbst merkte, dem Ruiu entgegen.