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Aus dem Kreuzgang der alten Leipziger Universität : heitere Jubiläums-Erinnerungen eines Landpfarrers
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Aus dem Kreuzgang der alten Leipziger Universität

Heitere Jubiläums - Erinnerungen eines Landpfarrers

or fünfzig Jahren wurde in Leipzig nicht nur das 450jährige Jubilä'um der Universität gefeiert, sondern was die Studenten­schaft und die Bürger uoch viel tiefer erregte und begeisterte auch der hundertjährige Gedenktag von Schillers Geburtstag. Aus den Erinnerungen eines pommerschen Landpfarrers, die Groth in seinen Bildern aus dem UniversitätslebenDer alte Korpsstudent und andre Geschichten" veröffentlicht hat, entnehmen wir folgende Schilderung, die in alten Leip­ziger Studenten manche freundlichen Eindrücke früherer Tage wieder lebendig macheu werden. Zwei Studenten besuchen den alten Pfarrer, und dieser ist so glücklich und entzückt, Leipziger bet sich zu haben, daß er begeistert ausruft: O, mein Leipzig! Wenn ich das Wort höre, so ist mir, als ob der Herr riefe: Es werde Licht! und das Gewölk zerrisse vor meinen Augen, und alle Schleier und Schatten verflögen am Himmel, und die göttliche Sonne erfüllte mein Herz bis zum Grunde mit freund­lichem Licht und belebender Wärme. Das ist eigentlich eine Lästerung, aber ich kann nicht anders, und wenn Sie erst so alt sein werden wie ich und zwanzig Jahre auf einer pommerschen Landpfarre gesessen und geschmachtet haben werden wie ich, dann wird Ihnen meine Begeisterung verständlich sein. Du altes, herrliches Leipzig I

Wir erzählten ihm von Klein-Paris, was uns gerade durch den Sinn kam: von Auerbachs Keller mit seinen Faustbildern und der Thomaskirche mit ihren Motetten, von der großen, stolzen Pleißenburg und den kleinen, wackligen Meßbuden, vom Rosental mit seinem Knoblauch und vom Schützenhause mit seinen Sommer­festen, von der Gosenschenke in Eutritzsch und der Kuchenbäckerei auf dem Brand­vorwerk, vom Konvikt im Paulinerhofe und vom Fechtboden im Gewandhause.

Wiederholt unterbrach er uns und fragte nach dem alten Kreuzgang in der Universität. Wir beachteten die Frage wenig, denn was war von dem finstern, schmutzigen Gange weiter zu erzählen? Als wir aber auf das alte Gewandhaus in der Universitätsstraße zu sprechen kamen, fing er wieder von dem Kreuzgang an und fragte, ob es denn wahr sei, was er kürzlich in der Zeitnng gelesen habe, daß alte Wandgemälde darin aufgedeckt und von Künstlerhand wiederhergestellt worden seien.

Wandgemälde? erwiderte mein Freund, ach ja, vor einiger Zeit stand einmal monatelang ein Gerüst im Gange, und dann und wann pinselten zwei oder drei Männchen da oben herum. Aber sehen kann man nicht viel von dem, was sie ge­pinselt haben.

Sie werden sich wundern, sagte der Pfarrer, daß ich von dem alten Gange so viel Aufhebens mache, aber es gibt keine Stätte in der Welt, die so wichtig und bestimmend für mein ganzes Leben gewesen wäre wie dieser Kreuzgang.

Uns fiel ein, daß man von dort auch in die Universitätsbibliothek gelangte, und wir brachten das mit seinen Worten in Zusammenhang. Aber er winkte lachend