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Vom Ansehen des Reichstages
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Vom Ansehen des Reichstags

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enn man die gesamte Tätigkeit des Reichstags in seiner langen Tagung seit dem 4. November bis heute überblickt, kann man sich eines starken Unwillens nicht enthalten. Man sieht die Auserwählten des Volks ununterbrochen an dem Aste sägen, auf dem sie in der Achtung der Nation sitzen. Und das tut der Reichstag, der durch eine ganz außergewöhnliche nationale Erregung infolge des Aufrufs der Reichsregierung zum Sturz der frühern Mehrheit in der Reichshauptstadt versammelt wurde! Je länger er arbeitet oder auch nicht arbeitet, um so weniger entspricht er den Erwartungen, namentlich derer, die nur auf den Appell der Negierung ihre Wahlscheu und ihren Widerwillen gegen die Mißbräuche des parlamentarischen Treibens überwunden hatten und herbeigeeilt waren, um eine nationale Mehrheit schaffen zu helfen, und die in den meisten eroberten Wahlkreisen auch den Ausschlag gegeben haben. Die deutschen Parlamentarier und die ihnen ergebnen Journalisten hätten doch aus dieser vierten Wahlniederlage der frühern Mehrheit nach einer Reichstagsauflösung erkennen sollen und müssen, daß das deutsche Volk nichts von den hergebrachten Parteikünsten wissen will, sondern daß es nationale Taten verlangt. Es will seine nationalen Aufgaben gefördert sehen und hat die Parteistreitereien satt. Es weiß doch längst, daß die oft stundenlangen Reden im Reichstage nicht um der Sache willen, nicht zur Überzeugung der andern gehalten werden denn die Abstimmung ist ja in der Regel schon vorher durch Fraktionsbeschlüfse fest­gelegt und auch bereits in der Parteipresse veröffentlicht worden. Sie werden bloß noch geredet für die Wähler draußen, damit sie nicht alle werden, und die Parlamentarier hören solche Reden auch bloß dann an, wenn sie von der Eigenart des Sprechers eine besondre Unterhaltung erwarten. Eine derartige Geringschätzung übernommner Pflichten und Verkehrung in eine Art von öffentlichem Schauspiel ist man in der Bevölkerung von den Gewählten in die Gemeinderatsstuben und auch von den Beamten nicht gewöhnt, und schon

Grenzboten II 1909 73