Literarhistorische Rundschau
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daß Humboldts Art nicht allgemein wird und dadurch den Staat und den Fortschritt gefährdet, ist in Europa hinlänglich gesorgt (Inder und Türken erscheinen in ihrem pflanzcnhaften Selbstgenügen der humboldtischen Art verwandt, nur daß sich ihr Geist nicht mit Wissen anfüllt, sondern leer bleibt) durch unruhigen Tätigkeitsdrang und vielgestaltige rege Selbstsucht. Eine der häufigsten und wirksamsten Gestalten ist der Ehrgeiz, die Sucht sich auszuzeichnen. Humboldt ist auch von Schriftstellerchrgeiz frei gewesen.
An Schriften, die von Müßen der Humanitätsperiode handeln, sind uns u, a, noch zugegangen: Friedrich Heinrich Jacobi, eine Darstellung seiner Persönlichkeit und seiner Philosophie als Beitrag zu einer Geschichte des modernen Weltproblems von vi', Friedrich Alfred Schmid, Privatdozent an der Universität Heidelberg. Heidelberg, Karl Winters Universitätsbuchhandlung, 1908, und: Friedrich Schlegels Geschichtsphilosophie. Ein Beitrag zur Genesis der historischen Weltanschauung von Dr. F. Lederbogen, Königl. Seminarlehrer in Weißenfels. Leipzig, Dürrsche Buchhandlung, 1908.
Lcirl Jentsch
literarhistorische Rundschau
von Heinrich Spiero 1
nter den literarhistorischen Erscheinungen der letzten Monate steht der lange erwartete zweite Band von Karl Bergers großer Schillerbiographie obenan (München, C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung). Nicht nur, daß endlich, nach so viel unvollendeten Darstellungen, ein großes, umfassendes Werk über Schiller glücklich zu Ende gediehen ist, macht diese Erscheinung erfreulich, sondern vor allem doch die durch den ersten Band geweckte und durch den zweiten bestätigte Überzeugung, daß uns hier endlich die große, mit voller Beherrschung des Materials geschaffne volkstümliche Biographie Schillers beschert worden ist. Bergers klarer, ungesuchter, redlicher Stil macht die Lektüre des Werkes auch in den schwierigsten Teilen, wie der Darstellung von Schillers Philosophie, leicht, ohne doch irgendwie in zu weitem Entgegenkommen das hohe Niveau zu verlassen, auf dem die Schilderung daheim ist. Der Biograph stellt immer seinen Helden w den Mittelpunkt der Dinge, und es erfordert neben andern Eigenschaften vor alle,,, Takt, trotzdem die Gestalt richtig ein- und, wenn es sein muß, auch einmal unterzuordnen. Das ist Berger vollauf geglückt. Der Anfang des Aweiten Bandes zeigt Schiller ja in den mannigfachsten Schicksalsverflechtungen Zum Lengefeldschen Kreis, bald wieder im Znsammenhang mit Körner und den Seinen, inmitten der alten schwäbischen Freunde und bei den Eltern und dann endlich in dem nach langem Harren gewonnenen Bündnis mit Goethe. Das alles wächst natürlich vor uns auf, in lückenloser Entwicklung, ohne Grenzboten II lgt)9 49