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Die französische Bahnkonzession in Abessinien
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Die französische Bahnkonzession in Abessinien

och ist nicht völlig klar, was neuerdings in Abessinien in bezug auf die vielgenannte französische Bahnkonzession vorgegangen ist. Die Nachrichten widersprechen einander vollständig, während einzelne behaupten, Kaiser Menelik habe der französischenÄthiopischen Bahngesellschaft" die früher erteilte Konzession zum Bau der Strecke Dire Dauah (Harrar) - Addis Abeba wegen Nichterfüllung ihrer Verpflichtungen endgiltig entzogen, versichern andre Berichte, der Negus denke gar nicht daran, wi Ernst einen solchen Schritt zu tun, und er könne höchstens eine ähnlich lautende Drohung gebraucht haben, um den Bahnbau zu beschleunigen. Diese Meinung wird unter anderm auch von dem gegenwärtig in Paris weilenden Arzt Dr. Vitalien geteilt, dem seinerzeit persönlich von Menelik die Konzession Zugesichert wurde.

Ist man somit auch noch nicht in der Lage, sich ein klares Bild von den neusten verkehrspolitischen Borgängen in Abessinien zu machen, so muß doch zugegeben werden, daß die Meldungen von der erfolgten Annullierung der französischen Bahnkonzession sehr viel innere Wahrscheinlichkeit für sich haben, und daß man Ursache hat, den Ableugnungsversuchen etwas skeptisch gegenüber­zustehen. Ist es doch nicht das erstemal, daß die von den Franzosen vom Hafen Djibuti in ihrer Obockkolonie nach Abessinien hineingebaute Bahn und deren geplante Verlängerung bis zu Meneliks Hauptstadt Addis Abeba zu politischen Differenzen Anlaß gegeben hat, und hat doch Kaiser Menelik auch nicht zum erstenmal gedroht, daß er die europäischen Völker beim Bau der seit langer Zeit geplanten Bahn Dire Dauah-Addis Abeba völlig ausschalten und das Unternehmen auf eigne Hand in Angriff nehmen werde! Es gibt sogar nur wenig Eisenbahnlinien auf Erden, die von den ersten Anfängen ihrer Herstellung an fortwährend so zu allerhand internationalen Streitigkeiten und Eifersüchteleien Anlaß gegeben haben, wie jene französische Bahnlinie in Abessinien, die bis °nf den heutigen Tag mit einem gewissen Recht als die einzige Bahnlinie des interessanten afrikanischen Alpenlandes bezeichnet werden kann!

Grenzboten II 1909 47