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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Nirgends haben die Bündler sachliche Aufklärung geboten, nirgends den leicht zu führenden Nachweis zu bringen versucht, daß keine Besitzsteuer gerade den landwirt­schaftlichen Besitz so milde erfaßt wie die erweiterte Erbschaftssteuer. Man suchte das Land hermetisch abzuschließen gegen alle Wahrheit und Wahrhaftigkeit."

Indessen wir wollen immerhin mit der Möglichkeit rechnen, daß die konservative Reichstagsfraktion diese Strömungen in der eignen Partei für nicht beachtenswert hält und sich auch fernerhin vom agrarischen Terrorismus beherrschen läßt. Dann stehen wir in der Tat vor einer schweren Krisis. Was wird Fürst Bülow machen, wenn er an den Patriotismus der Agrarier vergebens appelliert? Es bleibt ihm eigentlich nur die Wahl zwischen Auflösung des Reichstags oder Rücktritt. Nun hat sich Fürst Bülow, wie in gutunterrichteten politischen Kreisen wohlbekannt ist, dahin ausgesprochen, daß er aus wohlerwognen Gründen dem Kaiser nicht zu einer Auflösung des Reichstags raten will, dagegen fest entschlossen ist, auf seinem Rück­tritt zu bestehen, wenn die Reichsfinanzreform auf der von ihm für allein tragfähig und ausreichend gehaltnen Grundlage scheitert und anstatt des nationalen Werks ihm eine einseitig zusammengestoppelte, halbe Arbeit aus der Hand des Zentrums ge­boten wird.

Dieser Entschluß ist vom Standpunkt des Fürsten Bülow aus vollkommen korrekt und verständlich, überdies den Konservativen gegenüber so loyal, wie diese Partei es nach ihrer letzten Haltung jedenfalls nicht verdient hat. Wie würde aber dieser Entschluß im Lande aufgenommen werden? Zweifellos würde er in allen Kreisen, die als zuverlässige Stützen vaterländischer Politik angesehen werden können, als ein schweres Unglück empfunden werden, nicht am wenigsten auch in den Kreisen, die durch ihren verblendeten Eigensinn diese Lage herbeigeführt haben. Und wenn sie es jetzt nicht empfinden, weil sie sich mit Hilfe der agrarischen Scheu­klappen in einer Richtung festgerannt haben, so wird doch sehr bald der Tag der Ernüchterung und der Reue kommen. Fürst Bülow genießt den für ihn ehren­vollen Haß der Ultramontanen und Sozialdemokraten. Er hat ferner zu Gegnern jene leider nie aussterbende Spezies von politischen Maulwürfen, die in den hohen Regionen des Staats und der Gesellschaft ihr Wesen treiben und aus Ehrgeiz und Jntrigensucht gegen jeden erfolgreichen Staatsmann wühlen, der das Vertrauen des Kaisers in höherm Maße besitzt, als sie selbst es für nötig halten. Fürst Bülow erfreut sich nicht minder der Gegnerschaft eines Häufleins von Politikastern, die Politik zu machen glauben, wenn sie möglichst oft mit der Faust auf den Tisch schlagen, und endlich der Gegnerschaft der für praktische Politik ebenso unbrauch­baren radikalen Gruppe, die sich Demokratische Vereinigung nennt. Im übrigen wird von allen Seiten auch von solchen, die in Einzelfragen, und sogar in recht vielen Einzelfragen andrer Meinung sind als der Reichskanzler das Ver­dienst seiner staatsmännischen Persönlichkeit mit aufrichtigem Dank anerkannt, und man ist sich sehr wohl bewußt, daß der Gang der Staatsmaschine schweren Er­schütterungen ausgesetzt sein würde, wenn Fürst Bülow zurückträte. Man wird deshalb wohl die Frage aufwerfen dürfe», wie es die konservativen Wähler im Lande, auch die agrarischen, sobald sie aufgeklärt worden sind und dieser Augenblick muß doch einmal kommen, aufnehmen werden, wenn die Träger ihrer Mandate im Reichstage die Schuld einer solchen schweren Krisis auf sich laden.

Aber wir wollen diese Frage einmal beiseite lassen und dafür die andre stellen, was denn werden könnte, wenn Fürst Bülow die Bürde des Reichskanzleramts von sich würfe. Da darf man doch nicht ganz vergessen, daß die politischen Vor­schläge, die wir als die Politik des Fürsten Bülow bezeichnen, weil sie aus seiner politischen Initiative hervorgegangen sind und von ihm verantwortlich vertreten werden, jetzt zugleich die Politik des Kaisers und der Bundesregierungen darstellen.