politische Erziehung und Finanzreform
ennsjjc, so haben wir in den letzten Wochen und Monaten Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie wenig noch bei uns in Deutschland der „politische Sinn" entwickelt ist, und wie not uns noch politische Erziehung tut. Ich denke dabei natürlich an die Behandlung, die der Frage der Reichsfinanzreform widerfahren ist. Worin liegt der Grund für die merkwürdige Verschleppung der Reform? Liegt er etwa darin, daß die Frage nicht wichtig genug ist, daß wir uns mit ihrer Lösung nicht zu beeilen brauchen? Aber alle Gelehrten und alle Politiker und überhaupt alle, die auch nur flüchtig einmal darüber nachgedacht haben, sind einig in dem Urteil: Es ist ein sehr bedenklicher Znstand, wenn sich das Deutsche Reich im kurzen Lauf eines Menschenalters und in stark steigendem Tempo eine Schuldenlast von mehr als 4^ Milliarden Mark und eine Schuldenzinsenlast von jährlich 160 Millionen Mark aufgebürdet hat — aufgebürdet wesentlich für militärische Ausgaben, das heißt für Veranstaltungen, die zwar auch produktiv sind in einem höhern Sinne, die aber jedenfalls keine geldwerten, zur Bezahlung unsrer Schuldzinsen tauglichen Erträge abwerfen. Es ist offenbar: geht diese Schuldenwirtschaft im gleichen Schritt weiter, so muß das schließlich, wenn nicht zum Bankrott, so doch jedenfalls zu einer gefährlichen Erschütterung unsers Kredits führen. Schon seit Jahren klagen wir über den niedrigen Kursstand unsrer Staatspapiere; er ist wesentlich nur eine Folge der allzu starken Beanspruchung des Kredits. Schon vor einem Jahre konnte es ein französisches Blatt wagen, alles Ernstes die Kunde zu verbreiten, Deutschland müsse, um seine dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, den Spandauer Neichskriegsschatz angreifen, jene 120 Millionen Mark, die nicht einmal ausreichen würden, unsre Schuldzinsen für ein Jahr zu begleichen. Gewiß war das eine lächerliche Mär, aber schon der Umstand, daß derartiges Zeug erdacht und ernsthaft verbreitet werden kann, ist dem Ansehen des Deutschen Reichs mindestens nicht förderlich und wirft ein grelles Streiflicht "uf die gegenwärtige unhaltbare Lage. Also: in der geringen Wichtigkeit der Frage kann der Grund für ihre schleppende Behandlung nicht gefunden werden.
Grenzboten II 1909 34