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Maßgebliches und Unmaßgebliches
englischen Presse in diesem Falle auf das Gebiet beweisloser Verdächtigungen gefolgt sind, statt den Vorteil festzuhalten, den die kalte Ruhe des Machtbewußtseins und des guten Gewissens stets gegenüber der Nervosität uud Hysterie des Neides und Hasses hat.
Schlimmer ist, daß viele unsrer Landsleute gegenüber den Schwierigkeiten, die wieder am Horizont auftauchen, die gute Laune verloren haben, die ihnen der Ausgnng der serbischen Krisis verursacht hatte, und nun meinen, der Erfolg des Zusammengehns mit Österreich-Ungarn sei doch Wohl nicht allzuviel wert gewesen. Man möge sich aber erinnern — und den Beweis für die Richtigkeit dieser Tatsache wird man auf allen Blättern der Weltgeschichte finden —, daß jeder Erfolg ein verstärktes Einsetzen der Gegenkräfte mit Notwendigkeit auslöst. Was viele jetzt für eine unliebsame Störung der Behaglichkeit, auf die sie Anspruch erheben, halten, ist die selbstverständliche Folge der Ereignisse, die wir mit solcher Befriedigung als Erfüllung unsrer nationalen Wünsche begrüßt haben. Es ist natürlich leichter und bequemer, von der Regierung und der Diplomatie einen Erfolg nach dem andern zu verlangen, sich in diesem Erfolge zu sonnen und dann die Anstrengungen der fremden Mächte, den Schwerpunkt wieder zu ihren Gunsten zu verschieben, den Fehlern unsrer Diplomatie zur Last zu legen und übellaunig und verzagt die Rückschläge zu beklagen. Aber wie die ganze Kette von Anfeindungen und Jntrigen, denen Deutschland in den letzten achtunddreißig Jahren ausgesetzt geweseu ist, darauf zurückgeführt werden muß, daß das Ausland uns Bismarck und die Reichsgründung noch nicht verziehen hat, so läßt sich auch im einzelnen nachweisen, daß jeder Erfolg unsrer Politik neue Schwierigkeiten nach sich gezogen hat. Die Rede des Fürsten Bülow vom 29. März 1909 erinnert in gewisser Beziehung an die berühmte Rede des Fürsten Bismarck vom 19. Februar 1878. Anch diese Rede zog damals das Fazit der deutschen Politik, nachdem ein Orientkonflikt zu Ende geführt worden war — damals freilich durch eine gewaltsame Lösung —, und ließ das Gewicht erkennen, das Deutschland allein durch die Existenz seiner Machtmittel in die Wagschale zu legen hatte. Dieselbe Politik, die Bismarck in jener Rede festgelegt hatte, und die er auf dem Berliner Kongreß nachher durchführte, diese Politik, die so maßvoll und russenfreuudlich war, daß sie von dem eifrigern Teil der nationalen Presse kurz vorher noch bekämpft worden war und nur deshalb widerstrebend anerkannt wurde, weil eben die ungeheure Autorität Bismarcks dahinterstand — diese nämliche Politik zog ihm die wütende Feindschaft der nationalistischen öffentlichen Meinung in Rußland zu, weil das mit den Waffen siegreiche Rußland seine Erwartung nach allen Opfern enttäuscht sah, daß der Schwerpunkt der europäischen Politik von Berlin nun wieder nach Osten hinübergleiten werde. In demselben Augenblick, wo öffentlich festgestellt werden kann, daß Deutschland durch die bloße Entschlossenheit, von seiner realen Macht Gebrauch zu machen, die Pläne andrer Mächte durchkreuzen kann, ist auch der Antrieb der sich behindert fühlenden Mächte da, diesen Einfluß zu brechen. Das Barometer dieser deutschfeindlichen Bestrebungen ist auch jetzt wieder ein Teil der englischen Presse. Dort wird wieder nach Leibeskräften gehetzt und verleumdet. Die Flottenaugst, von der die in auswärtigen Fragen wenig gebildete und stets einseitig geleitete öffentliche Meinung Englands jetzt erfüllt ist, gibt nur die erwünschte Handhabe zu dieser Hetzarbeit. Wir müssen trotzdem diesem widrigen Treiben gegenüber die Ruhe bewahren, freilich auch ein wachsames Auge darauf haben. Wenn einstweilen dieser Lärm scheinbar auch von der englischen Regierung begünstigt wird, so darf man freilich auch nicht vergessen, daß die liberale Regierung diese Stimmungen benutzen muß, ohne die sie in den Reihen ihrer Anhänger keine Unterstützung für den als notwendig erkannten Ausbau der englischen Wehrkraft finden würde. Immerhin sind die leitenden Männer in England uud die Mehrheit der gebildeten Kreise der Nation beionnen genug, um die letzten Konsequenzen dieser wahnwitzigen Stimmungen zurückhalten