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Wilhelm von Polenz
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Wilhelm von Polenz

an Kraft gewann." Und da er das in denverklausulierten Lehren der Professionstheologie" nicht findet, zieht er den Talar aus, um ein Volks­lehrer zu werden. Sicherlich also ein Konflikt, der immer wieder durchlebt wird, und den in jenen Zeiten der Mann an der eignen Seele durchmachte, dem Potenz das Buch dankbar gewidmet hat: Moritz von Egidy. Es leben hier neben den innern auch äußere Zusammenhänge, denn Egidy war ja Stabsoffizier des Königshusarenregiments in Großenhain, dem Polenzens Freund Ompteda, dem der Christusmaler Fritz von Uhde angehörten. Aber dennoch will es mir scheinen, daß sich Polenz weder mit Egidy noch mit seinem Pfarrer von Breitendorf ganz gleich setzte, denn er stellte seinem Helden in einer sehr reizvollen Mädchengestalt die Tochter eines erklärten Atheisten gegenüber, die zu einem ganz positiven, kirchlichen und dabei durchaus lebensvollen Christentum gelangt. Und wer wollte leugnen, daß die Ansicht Gerlands von der Professionstheologie schief und ungerecht ist und sein muß, weil ihm, wie seinem unglücklichen Freunde, dem Selbstmörder Diakonus Fröschel, das Pastorenamt fast nur in kraftlosen, formelstarren Bekennern ent­gegentritt.

Ich nannte Gerland den Helden des Buches; das ist freilich nur in be­schränktem Maße richtig, denn schon hier fällt es auf, daß Polenz in den Mittelpunkt seiner Werke im Grunde niemals heldenhafte Menschen stellt, sondern, darin ganz der Sohn der naturalistischen Bewegung, sozusagen ge­wöhnliche Menschen, keine Ausnahmenaturen, sondern guten, aber feinfühligen Durchschnitt. So diesen Pfarrer Gerland, so später den Gutsbesitzer des Grabenhägers", den Schriftsteller vonWurzellocker", den Büttnerbauern, Thekla Lüdekind, und wie sie alle heißen. An solchen Beispielen zeigt Polenz Stände, Zeiten, Entwicklungen. Und daß ihm dennoch fast nichts und in den reifsten Werken gar nichts im beschränkten Naturalismus stecken bleibt, dankt er der Innigkeit und Wärme, mit der er sein Volkstum im ganzen umfaßt und durchdringt. Mit leidenschaftlichem Schmerz sieht er es schon im Beginn seiner Arbeit tief gespalten, und man fühlt, daß er gleich seinem Pfarrer gern mit seinem Leben die Brücke schlagen möchte zwischen den einander verständ­nislos gegenüberstehenden Schichten.Mehr und mehr erkannte er, welcher Abstand zwischen ihm, dem Gebildeten, und diesen Unkultivierten bestand. Sie waren anders geartet, standen auf einer tiefern Stufe, fühlten, dachten, urteilten anders als er, sie hatten ihre besondre Sittenlehre, Nechtsanschauung und Religion. Bei tausend Anlässen drängte sich ihm diese Bemerkung auf, die er anfänglich als vermessen weit von sich weisen wollte. Das gab ihm viel zu denken. Hier war Mensch und Mensch, Christ und Christ, und dennoch grund- verschiedne Wesen ein größerer Unterschied als der, den Nasse, Nation und Konfession begründen ein Unterschied im Fundamente." Man denkt an die beiden Nationen Disraeli-Beaconsfields.

DemPfarrer von Breitendorf" folgten 1895 und 1897 derBüttner­bauer" und derGrabenhäger", Polenzens bedeutendste Dichtungen, zugleich