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Die Dame dem Orden :
(Fortsetzung)
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Die T>ame mit dem Orden

Aus dem Englischen von G. Bergmann

(Fortsetzung)

Hiroshima, den 14. November 1902 ich habe fünfzehn Minuten Pause zwischen den Stunden und will sie heute dir widmen. Denke nur, wer wieder auf der Bildfläche erschienen ist! Klein Deutschland, der mit an Bord war auf der Herreise! Während der ersten paar Monate nach der Landung ver­schwendete er eine Unmenge Marken an mich. Schließlich wurde >ers doch müde, Solo zu spielen. Damals war er auf dem Wege nach einem Kloster in Tibet, um irgendeine alte Sprache zu studieren. Weiß der Himmel, warum er etwas noch Antikeres zu wissen begehrt als seine Mutter­sprache! Ich glaube, es gibt keinen alten, staubigen, vergessenen Weltwinkel, in den er nicht seine Nase gesteckt hat.

Nun also, du kennst den verhängnisvollen Magnetismus, den ich auf Fossilien ausübe. Sie drehn sich immer ebenso selbstverständlich zu mir wie die Nadel zum Magnet. Was diese Mumie im besondern betrifft, so macht sie keine Ausnahme. Ich schrieb ihm eine formelle, feierliche Antwort und erinnerte ihn mit sanftem Vorwurf daran, daß ich eine Witwe sei, und daß mein Leben der Arbeit gewidmet wäre. (Was für eine Würde!) Es nützte nichts, er bombardierte mich mit Briefen, mit immer stärkern Ausdrücken und mit immer längern und heißern Zitaten. Im letzten drohte er nach Hiroshima zu kommen.

Tut ers, so werde ich meine Augenbrauen rasieren und meine Zähne schwarz färben. Er spricht sieben Sprachen, und doch versteht er nicht den Sinn des kurzen Wortes Nein.

Jack pflegte zu sagen, daß wenn ein Mann nur Ausdauer genug hat, er die Frau, die er will, kriegt, dem Teufel zum Trotz. Ich möchte ihn sehen, Jack, meine ich!

Hiroshima, Weihnachtsabend 1902 Ich stecke tief in Weihnachtsvorbereitungen, und doch welch seltsames un­natürliches Weihnachten! Hiroshima ist eifrig beim Schmücken für Neujahr. Überall leuchtets von farbigen Lampions, Pflaumenblüten und hochroten Beeren. Die kleinen unbedeutenden Straßen sind in Lauben von süßduftenden Farnen und würzigen Tannen verwandelt. Bambusblätter schwanken bei jedem Lüftchen, und die wachsfarbnen Pflaumenblüten senden wonnige Düfte wie Veilchen aus.

Die Kaufleute samt ihren Familien ziehen die buntesten Kimonos an, setzen das reizendste Lächeln auf und grüßen dich mit Ausführlichkeit. Beim Betreten eines Ladens fragt man mich, ob sich meine geehrten Augen herablassen wollen, auf die höchst unwürdigen Waren zu blicken. Bitte, wollen Sie diesem oder jenem einen bewundernden Blick schenken? Der Preis? Hm! Der Preis ist sehr gestiegen, seit der herrliche Fremde seine geehrten Augen darauf ruhen ließ. (Was