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Neues zur Hagengeschichte und Sagengeographie
von Karl Dieterich
>ine der köstlichsten Gaben, die dem Menschen verliehen sind, ist die Phantasie. Im Einzelwesen führte sie zur Poesie, in der Gesamtheit zur Mythologie und Religion. Religion ist ja schließlich, psychologisch betrachtet, nur transzendente Poesie, deren wuchernde Blütenfülle in dem verkalkenden Weihwasser der Kirche erstarrt und ! konserviert ist, wie gewisse Heilquellen auf vegetabilische Stoffe eine versteinernde Wirkung üben. So erging es auch den alten, heiligen Sagenstoffen, die in den Heilsquell der kirchlichen Religionen gerieten: sie wurden dogmatisiert und damit oer ewigen Metamorphose entzogen, die das Wesen alles Menschlichen ist. Die Kirchen von ihrem Standpunkt konnten gar nicht anders handeln, wenn sie nicht selbst von der wilden Strömung, die sie umflutete, weggerissen werden wollten. Aber die menschliche Phantasie, die das Triebrad alles höhern geistigen Geschehens ist, wirkt und wächst mit ungebändigter Wncherkraft weiter. Sie ist jene Macht, die alles, was Natur und Geist, Menschen und Götter. Einzelne und Nationen und ganze Kulturen geschaffen haben, unwiderstehlich in ihren Bann zwingt und mit einer Assimilierungstraft ohnegleichen alle diese Elemente zusammenschweißt und mit toller Künstlerlaune zu neuen Gebilden verarbeitet. Das ist die nimmersatte Volksphantasie, die nicht danach fragt, „ob das Ding heilig ist oder profan", die Heiliges profaniert und Profanes heiligt, und die wie die alten Bildhauer an romanischen Kirchen allerlei Fratzen und Schalksnarren unter Bogen und Nischen hervorlugen läßt, als wollte sie zeigen, daß auch das Ewigmenschliche im Angesichts des Ewiggöttlichen nicht fehlen dürfe.
Solche Gedanken kamen mir, als ich den ersten Band eines monumentalen Werkes durchblätterte, das der bekannte Leipziger Sagen- und Märchenforscher O. Dühnhardt unter dem anspruchslosen Titel Natursagen herauszugeben begonnen hat,*) und das nichts geringeres zu werden verspricht als eine Geschichte der Völkerphantasie, dargestellt an den Wanderungen und Wandlungen alter historischer und jüngerer Natursagenstoffe, wie sie vorliegen in alt- und neutestamentlichen, in Tier- und Pflanzensagen sowie in solchen von Himmel und Erde und zuletzt vom Menschen. Der ganze Kreis der Schöpfung also wird ausgeschritten, und zwar wie er sicherstellt in dem doppelten Medium der sagen- und religionsgeschichtlichen Überlieferung und der menschlichen Phantasie; dieser aber gebührt der Hauptanteil: sie tritt gleichsam zwischen das Objekt, das sie sich in seinen hervorstechenden Merkmalen zu deuten sucht, und zwischen die historischen Vorstellungen, die ihr das Material zur sagenbildenden Deutung liefern müssen. Drei Faktoren sind es also, die an den naturdeutenden
Erster Band. Die Sagen zum Alten Testament. 376 S, Leipzig, Teubner, 1907. 6 M.