Britische Reformen zur Beruhigung Indiens
m Juni 1907 (Heft 23 der Grenzboten) haben wir den damaligen Stand der Selbständigkeitsbewegung in Indien geschildert./ Wir haben gezeigt, wie aus der immerhin vorhandnen aber doch anscheinend ganz bedeutungslosen Unzufriedenheit der Inder mit der britischen Herrschaft durch den Sieg der Japaner über die gefürchteten Russen eine von törichten Hoffnungen getragne, aber doch leidenschaftliche und zuversichtliche Bewegung gegen die Fremdherrschaft geworden war. Immer nachhaltiger verlangte man „Indien für die Inder". Das europäische. Mutterland, dessen Obergewalt man einstweilen nicht beanstandete, sollte seiner großen, von 300 Millionen Seelen bewohnten indischen Kolonie dieselben Rechte und Freiheiten gewähren wie seinen Europäerkolonien. / Diese erfreuen sich in allen innern Angelegenheiten einer vollkommnen .Selbstverwaltung, die bis zum Recht der Erhebung von Schutzzöllen gegen englische Waren geht. Die Unterschiede, die daraus hervorgehen, daß erstens eben die Europäerkolonien von einer Bevölkerung britischen Stammes bewohnt werden, an deren treuem britischem Patriotismus gar nicht zu zweifeln ist, und daß sie zweitens auch gar nicht die Macht haben, sich vom Mutterlande loszureißen, leuchten selbstverständlich den Indern nicht ein. Sie, oder wenigstens die an der Spitze stehenden Kreise, fühlen sich befähigt, die Zügel der Herrschaft selbst in die Hand zu nehmen. Was Japan an parlamentarischen Einrichtungen hat leisten können, dessen fühlen auch sie sich fähig. Sie verkennen völlig die Bedeutung der uralten nationalen und religiösen Einigung Japans, während Indien aus vielen Rassen besteht, die keine einheitliche Sprache reden, und die in zwei große und viele kleine, alle von Feindschaft beseelte Religionsgemeinschaften zerfallen. Was den Sieg Japans über Rußland anlangt, so meinen sie, Indien könne ähnliches vollbringen, weil es sechsmal so stark an Volkskraft sei wie Japan, während England nur ein Drittel der Volkskraft des besiegten Rußlands habe. Folglich stünden ihre Aussichten achtzehnmal besser Grenzbotvn II 1909 8