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Goethes Faust in englischer Bearbeitung
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Goethes Faust in englischer Bearbeitung

von Ernst Grotl?

!Ür den geistigen Standpunkt einer Zeit, für ihre literarische Bildung und ihr künstlerisches Urteil ist nichts charakteristischer als die Art, wie sie sich bedeutenden Kunstwerken des Auslandes gegenüber verhält. Weit mehr als die Schöpfungen der Natur ! behalten die Werke des Geistes ihre aktiven und ihre verborgnen Eigenschaften und Kräfte; aber die Reaktionsfähigkeit der Gesellschaft, ihr Aufnahmebedürfnis und die zur Verarbeitung notwendige Wahlverwandtschaft oder Kongenialität ändern sich von Geschlecht zu Geschlecht bestündig. Das Schicksal der Wagnerschen Musikdramen in Frankreich, der bald stärker bald schwächer werdende Einfluß der Shakespearischen Dichtungen in Deutschland, das erneute Auftauchen früherer, scheinbar überwundner philosophischer Systeme in unsrer Zeit sind solche Beispiele, aus denen die vergleichende Völker­psychologie, die vergleichende Kunst- und Literaturwissenschaft interessante und lehrreiche Schlüsse zu ziehen vermögen.

Die geistigen Beziehungen und Wechselwirkungen der Völker untereinander sind freilich überall beständigen Schwankungen unterworfen, aber kein Kulturvolk hat seit je eine so geringe Reaktionsfähigkeit gegen das literarische Leben des Auslandes gezeigt wie das englische. Diese geringe Assimilationskraft der englischen Volksseele tritt besonders deutlich hervor, wo es sich um die Aufnahme, das sichere Verständnis und Nacherleben fremder, namentlich der deutschen Dichtungen handelt. Der wirklich tiefgreifende, neues Leben schaffende Einfluß der deutschen Literatur auf die englische ist deshalb verhältnismäßig gering. Die Frage, was die englische Literatur dem Auslande zu verdanken habe, hat neuerdings Professor Thomas Tucker in seinem Werke Ine Z?oröiM Osbt ok tks AnZlisn I^iterawre ausführlich behandelt, aber die Einwirkung Deutsch­lands hat er auf wenig Seiten abgetan:Nirgends, sagt er, sehen wir deutschen Einfluß in der Form oder in dem Charakter unsrer Dichtung. Der Grund dafür ist vielleicht in der großen Ähnlichkeit der beiden Literaturen zu finden." Nein, der Grund liegt tiefer; er liegt vor allem darin, daß die meisten klassischen Werke Deutschlands einen starken philosophischen Einschlag haben, und daß der Durchschnittsengländer allem Spekulativen, vor allem dem Religionsphilosophischen und den ethischen Betrachtungen möglichst weit aus dem Wege geht. Nur so ist es zu erklären, daß Tennyson für Goethes Faust