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Heimfahrt
steinalte Mufti von Jerusalem, folgte nach, über ihnen wehend die grünen und karminroten Farben des Propheten. Unendlicher Jubel empfing die Heimkehrenden, der sich vom Alberg fortpflanzte bis auf den Tempelplatz. Unter Jubelgeschrei ging der Festzug durch die dichtgedrängte Menge über das Kidrontal hinweg der Stadt zu. So ist einst am Palmsonntag Jesus vom Ölberg über den Kidron nach dem Tempelplatz gezogen, ebenso von einer jauchzenden und begeisterten Menge erwartet und empfangen. Aber das Tor des Einzugs inmitten der langgestreckten Ostmauer, das goldne Tor, ist vermauert. Niemand, so lautet das Gebot des Islam, soll es betreten vor dem Jüngsten Tag, an dem Mohammed, der Prophet, einziehn wird an dem heiligen Ort. Aber leise raunt ein Gerücht unter den Mohammedanern: einmal noch wird sich das goldne Tor wieder auftun, ein christlicher Eroberer wird von dem Heiligtum Besitz ergreifen, und im geheimen flüstert man im Heiligen Lande unter den Gläubigen Mohammeds: der Deutsche Kaiser wird es sein.
Bis in die tiefe Nacht hinein währte das festliche Treiben. In abgcbrochnen Lauten drang das Kreischen der Instrumente und der dumpfe Klang der Trommeln durch die Stille, über das Kidrontal herüber bis in die Einsamkeit des Gartens Gethsemane, der von den Franziskanern als Heiligtum gehütet wird. Der weiche silberne Glanz des Mondes leuchtete von der Höhe des Olbergs über die goldnen Kuppeln und Kreuze der griechischen Gethsemanekirche, die sich aus dunkeln Zypressen herausheben. Vom Felsendom her ragt als Wahrzeichen der Herrschaft des Islam der Halbmond, der seit tausend Jahren die Schlüssel zu der heiligen Stätte besitzt, an der die Erinnerungen dreier Weltreligionen haften.
Vresden _ Dr, Frdr. Ieremias
Heimfahrt
Novelle von Luise Algenstaedt
(Schluß)
letzt ging es in steilem Abstieg auf losem Boden hinab. Unter Süßeles Tritt gab das Geröll nach. Sie konnte sich nicht halten und glitt abwärts, bis sie sich auf grasbewachsner Halde mit den angstvoll um sich greifenden Händen festklammern und wieder Fuß ^fassen konnte. Zitternd mußte sie sich von dem Schreck erholen. Der Himmel wurde nun einförmig grau, und der kalte Wind fegte mit solcher Gewalt vom Tal herauf, daß man zuweilen stillstehn und sich festhalten mußte. Allein nicht lange durfte das geschehen, dem Wetter mußte getrotzt werden, wollte man die Hütte am Poppersee vor Dunkelheit erreichen. Weiter rechnete der Alte nicht mehr, obwohl er anfänglich in Unkenntnis gehofft hatte, eine der am Südhange gelegnen Ortschaften zu gewinnen.
Plötzlich sah er ein Weißes Sternchen auf seinem Ärmel und noch eins — ein feines Sprühen von Weißen Sternchen. Das Herz entsank ihm. Wie wollte man vorwärts kommen, wenn noch Glätte hinzukam und Schnee die Wegmarken un-