Beitrag 
Karamsin und Wieland
Seite
625
Einzelbild herunterladen
 

Der Tempelplatz in Jerusalem

625

kennen gelernt, wie ich in Wirklichkeit bin, bemerkte er. Leben Sie wohl, und lassen Sie mir zuweilen Nachricht von Ihnen zukommen. Ich werde Ihnen stets antworten, wo Sie auch sind. Leben Sie wohl! Darauf um­armten wir uns. Mir schien es, als ob er ein wenig gerührt war, und das erweckte in mir selbst eine Rührung. Auf der Treppe drückten wir einander zum letztenmal die Hand und schieden vielleicht für immer.

-eMQ/

T>er Tempelplatz in Jerusalem

>n tiefem Schweigen lag die Heilige Stadt nach Sonnenuntergang. Wunderbarer Glanz des Vollmonds, der über dem Rücken des Ölbergs heraufgestiegen war, flimmerte in der Luft. Wir gingen unter dem Geleit zweier Schechs des Haram genauer Haram l esch-scheris,das vornehme Heiligtum", wie die Mohammedaner den Tempelbezirk nennen zum Tempelplatz in zitternder Erwartung. Ist ein Betreten am Tage den Nichtmoslems nur unter Begleitung eines türkischen Soldaten und eines von dem betreffenden Konsulat gestellten Kawassen möglich, so ist von Sonnenuntergang an der heilige Platz für jedermann geschlossen. Nur der Pascha von Jerusalem kann die Erlaubnis dazu erteilen, den Platz nächt­licher Weile zu betreten. Mit gedämpften Schritten gingen wir durch die menschenleeren engen Gassen. Jerusalem, auf einer welligen Bergkrone erbaut, seit Jahrtausenden in einen steinernen Mauergürtel eingeschlossen bis auf den heutigen Tag, hat um jedes Fleckchen Erde geizen müssen. Es ist nicht in unserm Sinne eine schöne Stadt. Die Straßen sind oft so eng, daß man meint, die Mauern zu beiden Seiten mit den Händen fassen zu können. Bald steigen sie steil aufwärts, bald fallen sie ab, zum großen Teil sind sie überwölbt; Wagen können in den holprigen unebnen Gassen nicht fahren, auf denen der Unrat liegt, den die wilden Hunde, die Straßenreiniger der Stadt, übrig lassen. Erst seit kurzem ist ein kümmerlicher Anfang mit Straßenreinignng und -be- leuchtung gemacht worden. Öde steigen die Häusermauern empor, sie sind nur an wenigen Stellen außer der Pforte durchbrochen, denn alles Leben spielt sich nach den Höfen zu ab. Vielfach liegen auch Häuser in Trümmern. Aber jetzt ist über all das düstere Gemäuer der Zauber der Nacht gebreitet. Wo ein Lichtschacht einfällt, huscht der geisterhafte Glanz des Mondlichts über die Fliesen, das Gemäuer und über Ruinen hin. Aus der verschloßnen Grabes­kirche klingt wie ein höherer Chor in weichen verschleierten Akkorden der Oster- Hymnus, den die Franziskaner aufs Fest einüben, durch die Stille der Nacht. Unser Weg geht der dunkeln Schmerzensstraße, der Via dolorosa, entlang. Durch ein enges Pförtchen treten wir auf den Tempelplatz. Unter dem blendenden