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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel Berlin, 22. März 1909

(Österreich-Ungarn und Serbien. Englische und deutsche Flottenangelegenheiten. Militärdebatte im Reichstag. Die Reichsfinanzreform.)

Der Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien nähert sich immer mehr der letzten Entscheidung über Krieg und Frieden. Feste Anhaltepunkte, wie diese Entscheidung fallen wird, lassen sich iu dem Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht gewinnen. Tatsächlich haben die Serben noch nicht dos geringste davon merken lassen, daß sie ein Nachgeben iu den Bereich der Möglichkeit ziehn. Man hat deshalb vorläufig keine Unterlage für die Annahme, daß sie doch zuletzt nachgeben werden. Tun sie das aber nicht, so muß der militärische Konflikt mit Österreich-Ungarn in wenigen Tagen ausbrechen. Andrerseits scheint uns das Ver­halten Serbiens so sehr jeder vernünftigen Berechnung zuwiderzulaufen, daß man immer wieder versucht ist, nach besondern Gründen für die herausfordernde Haltung des kleinen Staats gegenüber einer benachbarten Großmacht und für diese an selbst­mörderischen Wahn grenzende Politik zu forschen. Diese Gründe kann man aber nur in dem festen Glauben der Serben finden, daß die Großmächte die Nieder­werfung Serbiens und die endgiltige Anerkennung der österreichisch-ungarischen Balkanpolitik nicht gletchgiltig mit ansehen könnten. Besonders rechnet man hierbei auf die Hilfe Rußlands und läßt es sich nicht ausreden, daß diese slawische Vor­macht doch im entscheidenden Augenblick noch Mittel uud Wege finden werde, den südslawischen Brüdern zu Hilfe zu kommen. Da es nun aber nicht ausgeschlossen ist, daß diese Hoffnungen der Serben am letzten Ende von den Großmächten gründlich zerstört werden, so kann man auch wieder trotz der sehr geringen Wahr­scheinlichkeit, die noch für die Erhaltung des Friedens besteht, nicht mit Bestimmtheit sagen, daß diese Wendung der Dinge unmöglich ist.

Wenn man sich hiernach mit dem Gedanken vertraut machen muß, daß die Kanonen das letzte Wort zwischen Österreich-Ungarn und Serbien sprechen, so läßt sich doch an der Hoffnung festhalten, daß ein großer europäischer Krieg vermieden werden wird. Ob das möglich sein wird, hängt von Rußland ab. Denn wenn diese Macht wirklich keinen Zweifel darüber läßt, daß sie sich nicht in einen Krieg für die serbischen Ansprüche treiben lassen will, so fallen auch für die andern europäischen Mächte alle Gründe hinweg, in den Konflikt mit irgendwelchen Gewalt­mitteln einzugreifen. Noch ist freilich auch eine Entwicklung denkbar, die Rußland veranlassen könnte, mit aktiver militärischer Hilfe für Serbieu einzutreteu. Für diesen Fall wäre für Deutschland die Verpflichtung gegeben, dem Verbündeten Österreich-Ungarn zu Hilfe zu kommen, und daß die deutsche Regierung bei solcher Wendung der Dinge den Bündnisfall in der Tat als gegeben ansieht, darüber hat sie in diplomatischen Aussprachen an geeigneter Stelle nicht den geringsten Zweifel gelassen. Erfreulicherweise findet diese Auffassung auch in den weitesten Kreisen des deutschen Volks und in der Presse aller bürgerlichen Parteirichtungen lebhaften Anklang und entschied»« Zustimmung. Nur vereinzelt sind die Stimmen, die von der Meinung ausgehn, Deutschland verfolge diese Politik nur in Erfüllung der Verpflichtung des formellen Festhaltens an dem Bündnis mit Österreich-Ungarn. Sie meinen weiter, Deutschland verstricke sich damit in eine Politik, die keineswegs einwandfrei und vor allem nur eine Politik österreichischer Interessen sei. Diese Meinung tritt, wie gesagt, in der Presse nur vereinzelt auf, wobei es freilich Er­staunen erregen muß, daß es gerade Blätter sind, die am entschiedensten die Bis- marckischen Traditionen, wie sie sie verstehn, zu vertreten bemüht sind, und die der