Das neue Exerzierreglement für die Fußartillerie
n den letzten Jahren sind im deutschen Heere eine Reihe neuer Ausbildungsvorschriften eingeführt worden, in denen die neuste» Fortschritte der Technik und die Erfahrungen der letzten Kriege, vor allem des russisch-japauischen, für unsre Verhältnisse nutzbar gemacht worden sind. So ist vor zwei Jahren ein neues Exerzierreglement für die Infanterie erschienen, dem eine nene Feldbefestigungsvorschrift, ein Exerzierreglement für die Feldcirtillcrie, eine neue Felddienstordnung und zuletzt vor einigen Wochen ein Exerzierreglement für die Fußartillerie folgten. Das letztere ist insofern etwas neues, als die Fnßartillerie ein Exerzierreglement überhaupt nicht hatte. Die Vorschriften für die Ausbildung dieser Waffe und die Grundsätze für ihre Verwendung im Kampfe fanden sich vielmehr in einzelnen geheimen oder doch nur für den dienstlichen Gebrauch der Truppe bestimmten Druckwerken. Es haftete daher an der Fußartillerie ein gewisser Nimbus des Geheimnisvollen, ein Überbleibsel vergangner Tage, in denen sich die schwarze Kunst einer abergläubischen Bewunderung zu erfreue» hatte.
Daß damit aufgeräumt worden ist, kann man nnr als einen Fortschritt bezeichnen, ist es doch kaum möglich, Dinge, die jährlich Tausende von Soldaten genau kennen lernen, in denen sie auf das eingehendste unterwiesen werden, vor dem Auslande geheimzuhalten. So etwas ist heute im Zeitalter des Verkehrs unmöglich und führt nnr dazu, daß einem großen Teile der Offiziere und Unteroffiziere des eignen Heeres Dinge gänzlich unbekannt bleiben, deren Kenntnis ihnen im Kriege sehr nützlich sein kann. Der Erfolg im Kriege hängt in Zukunft von dem verständnisvollen Znsainmcnarbeiten aller Waffengattungen ab, und zu denen gehört vou jetzt ab die Fußartillerie in höherm Maße als bisher; diese ist nicht mehr, wie früher, nur zum Kampf um Festuuge» oder mit festungsmäßigen Mitteln cmsgebante Stellungen bestimmt, sondern sie soll außerdem in der Entscheidung der Feldschlacht mitwirken und hat wahrscheinlich dabei ein sehr schwerwiegendes Wort mitzusprechen. Grenzboten I 1909