Beitrag 
Parnassus in Neusiedel :
(Schluß)
Seite
556
Einzelbild herunterladen
 

556

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Daran erkenne man den Fluch der kapitalistischen Weltordnung, rief Redakteur Schnatter, und der Seifeufabrit'ant Lippspitz warf die Frage auf, ob nicht jetzt noch das Theater in ein Schwimmbad umgewandelt werde» könnte.

Das ging nun freilich nicht, dagegen nisteten sich Wandertruppen im leeren Theater ein, jetzt ein Opern-, jetzt ein Operettenensemble nnd jetzt eine Lustspiel- truppe. Eben hatte sich ein Varietc-theater eingerichtet in den heiligen Räumen, die die Inschrift trugen: Ingsnuas llckcilitor äiäioi8ss s.rrss nnd so weiter. Man hatte die Bänke aus dem Parkett entfernt, Tische gestellt und einen Bierschank eingerichtet, man hatte den Orchesterboden bis ganz oben hin hinaufgeschraubt, und da, wo einst die hohe Kunst das Höchste erstrebt hatte, da standen spärlich bekleidete Nymphen Kopf, und da produzierten sich abgerichtete Affen und Ponies.

In der Proszcninmsloge saßen ein paar mit großen Opernguckern ausgerüstete Herren. Ein neu Eintretender kam hinzn. Es war der Assessor a. D. Markhof. I, sehen Sie mal an, Herr Major, rief er, Sie mich hier?

Was will man denn machen, erwiderte dieser. Man hat ja hier in diesem Jammerneste nicht einmal ein anständiges Theater.

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel Berlin. 7. März 1909

(Das Finanzkompromiß. Die Balkankrisis.)

Wenn wir vor acht Tagen die Vermutung aussprachcn, daß beim Erscheinen der letzten Nnmmer der Greuzboten wahrscheinlich schon ein Kompromiß der Block­parteien vorliegen werde, so können wir heute feststellen, daß sich diese Erwartung erfüllt hat. Aber die Hoffnung, daß der Inhalt der Beschlüsse eine Verbesserung der Vereinbarungen zwischen Konservativen und Zentrum bedeuten würde, ist ent­täuscht worden. Das neue Kompromiß stellt eher noch eine Verschlechterung des von der Subkommijsivn vvrgeschlagnen dar. Der Gedanke einerBesitzsteuer" ist beibehalten worden, nur soll sie in einer Form erhoben werden, die einen noch viel schärfern Eingriff in die Finanzhoheit der Einzelflaaten bedeutet.

Zunächst drängt sich die Frage auf, ob die Reichsfinanzreform nun wirklich fertig ist oder genauer gesprochen Aussicht hat, auf diesem Wege einmal fertig zu werden. Wenn man die Väter des nenen Kompromisses darüber reden hört, könnte man es beinahe- glauben. Sie haben es sich freilich redlich sauer werden lassen, nnd so kann man es ihnen nachfühlen, daß sie nach getaner Arbeit von dem Bewußtsein, etwas ungewöhnlich schwieriges glücklich vollbracht zu haben, getragen und über ihr Werk hoch erfreut sind. Es sah ja auch wirklich so aus, als ob es durchaus nicht gehn wolle, Wir wissen ja, w>e sehr die Parteien anseinanderstrebten, und wie jede ihre eigne Vorstellung von dem Aussehen der künftigen Reichsfinanzreform hatte. Und jede meinte natürlich auch, daß mau ihr allein Opfer zumute, daß alles, was von den andern verlangt werde, gar kein Opfer sei, und daß, wenn ans der ganzen Sache nichts würde, nnr die andre Seite schuld sei. Aber während dieses zähen Handelns um Zugeständnisse, wobei die Parteien noch einmal vor Toresschluß alle ihre Unarten entfalteten, wuchs doch allmählich immer- stärker die gemeinsame Überzeugung empor, wie notwendig die schließliche Einigung und Verständigung sei/ Es stellte sich heraus, daß, die Block­parteien keineswegs unempfindlich gegen die im Falle eines Scheiterns drohenden Möglichkeiten waren, sondern es in Wahrheit sämtlich als Ehrensache erkannten,