Beitrag 
Ronda
Seite
546
Einzelbild herunterladen
 

546

Meisterwerke der Technik

Zu unserm Erstaunen hörten wir noch, daß man sich mit der Unschädlich­machung der im Zirkus umgebrachten Pferde, deren Zahl oft einige zwanzig beträgt, weiter keine große Arbeit macht, sondern sie vom Felsenufer des Guadiaro einfach in den Fluß hinabwirft. Niemand bekümmert sich darum, ob dessen Wellen den Kadaver auch wirklich wegschwemmen. Bleibt einer oder der andre zwischen dem Geröll liegen, so regt sich kein Vertreter der öffentlichen Ordnung oder gar das Publikum darüber auf. Eine hygienische Überwachung scheint im schönen Lande der Kastanien gänzlich zu fehlen. Man kommt als Fremder hier überhaupt bald zu der Überzeuguug, daß fast jeder Spanier alle möglichen Ungehörigkeiten mit solcher naiven Selbstverständlichkeit ausübt, als ob er ein verbrieftes Recht darauf hätte. Das sind eben OosAs äs Lspaila ein schwer übersetzbares Wort, dessen Bedeutung der Fremde, der im deutschen Vaterland an Ordnung und guten Ton gewöhnt ist, zu seinem Leidwesen auf spanischer Erde oft schwer empfindet.

MM

M'M^c

MH^

Meisterwerke der Technik

Gine Kunstbetrachtung von Joseph Aug. Lux

!ange bevor die Architekten des neunzehnten Jahrhunderts über die stillose Zeit zu klagen ansingen und sich entschlossen, dieser Zeit ihren Stil zu geben, hatte der Ingenieur die Grundlinien festgelegt, die der Gegenwart ihre stilistische Physiognomie geben. Aber die neuen Formen waren noch zu wenig Gewohnheitsbild ' geworden, und niemand vermochte ihre Ästhetik zu erkennen und zu begreifen, daß eine neue Architektur im Werden war. Die Architektur des Eisens, die der modernen Zeit ihr entschiednes Stilgepräge verlieh.

Mehr als technische Ungetüme konnte die überwiegende Mehrzahl der künstlerisch Gebildeten in den modernen Großkonstruktionen nicht sehn. Ja John Nuskin, der große Kunstprophet des neunzehnten Jahrhunderts, hatte selbst erklärt, daß das Eisen der unmonumentalste Baustoff sei und nur als untergeordnetes Hilfsmittel bei der Jnnenkonstruktion in Betracht käme.

Ruskin war für das Kunstempfinden des neunzehnten Jahrhunderts der Kulminationspunkt, auf den wir mit Verehrung zurückblicken wie auf einen geheiligten hohen Berg, dessen Gipfel, in Wolken verhüllt, zeitweilig den Blitz und Donner entsendet, um das sündhafte Geschlecht zu strafen, das so wider­setzlich gegen seine zehn Gebote der Kunst handelt. Für ihn waren die Dampf' Maschine, die Lokomotive, die Eisenbahn Gegenstände der Abscheu.

Aber trotz der fruchtbarsten und erhebendsten Vibelworte läuft die Geschichte der Welt nicht in sich zurück. Die Menschheit hat sich an die Werke der Technik gewöhnen müssen, weil in diesen Werken der Technik der Ausdruck eherner Notwendigkeit liegt. Das neue Auge sieht an Stelle der Verwüstung das Geheimnis einer neuen Welt aufgehn, es empfindet, der Kunstgeschichte zum Trotz, die technischen Konstruktionen künstlerisch oder zumindest ästhetisch.