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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel Berlin, 28. Februar 1909

(Die Landwirtschaftswoche. Die Reichsfinanzreform. Znr Balkankrisis.)

Die große Landwirtschaftswoche, die alljährlich um diese Zeit dem Leben der Reichshauptstadt ein besondres Gepräge gibt, stand in diesem Jahre wieder einmal w Zeichen stärkerer politischer Erregung. Zwar sind die Zeiten vorüber wo die m dem Bunde der Landwirte organisierten Kreise um die Bewertung ihres Ge­werbes und seiner Interessen innerhalb des Staatslebens einen heißen, erbitterten Kampf zu führen hatten. Heute steht die Landwirtschaft einer wohlwollenden, verständnisvollen Negierung gegenüber, und die Schwierigkeiten, mit denen das landwirtschaftliche Gewerbe vor etwa anderthalb Jahrzehuten zu kämpfen hatte, sind überwunden. Aber die Kampfzeit hat ans der agrarischen Organisation etwas andres gemacht, als ursprünglich gedacht war. Sie ist ein politischer Machtfaktor geworden, der einen wirtschaftlichen Juteressenkreis in dem Sinne vertritt, daß er ihm womöglich eine führende Stellung sichern will. Dieses Streben allem ist schon geeignet, dem Buude der Landwirte eine starke Gegnerschaft zu erwecken. Denn c»'dre Juteressenkreise werden sich den Gedanken, daß die Landwirtschaft ein Über­gewicht im Staate beanspruchen dürfe, schwerlich zu eigen machen. Der Staat umfaßt alle die verschiednen gewerblichen Interessen und muß alleu gleichmäßig gerecht werden Wenn aber Unterschiede anerkannt werden, dann glauben die Vertreter von Industrie und Handel ein Anrecht auf den Vorrang zu habeu, weil das moderne Wirtschaftsleben an die Stelle des alten Agrarstaats immer mehr den Industriestaat setzt. Die Frage ist nun, ob der moderne Staat dieser Entwicklung ohne weiteres folgen, sich von ihr gewissermaßen tragen lassen und sich darauf einrichten soll oder nicht. Es ist hier nicht der Ort, dieser Frage weiter nach- Mgehn und das Für und Wider abzuwägen. Die wirtschaftspolitische Anschauung der gegenwärtig maßgebenden Stellen im Deutschen Reiche geht dahin, daß der Staat seiner Pflicht, das gewerbliche Leben in jeder Gestalt zu schützen und zu fördern, gerecht werden soll, daß es aber nicht im Interesse der Gesamtheit Kegt. die allmähliche Znrückdrängung der Landwirtschaft durch Handel und Industrie als eine durchaus notwendige und unabänderliche Tatsache hinzunehmen und wo­möglich noch zu unterstützen, daß es im Gegenteil bei der natürlichen Stärke, die unter den gegenwärtigen Zeitverhältnisscn Handel und Industrie haben, für diese keine Zurücksetzung oder Vernachlässigung bedeutet, wenn der Landwirtschaft jede zulässige Hilfe zuteil wird, die es ihr gestattet, sich neben den andern großen Erwerbsgruppen zu behaupten. In diesem Sinne hat sich Fürst Bülow als ein warmer Freund der Landwirtschaft bewährt, und so hat er es auch wohl gemeint, als er einst das Wort prägte, er wünsche, man solle ihm einmal auf den Leichen- stetn setzen:Dieser ist ein agrarischer Reichskanzler gewesen."

Man wird es an sich dem Bund der Landwirte nicht verübeln können, wenn ^ für den Erfolg seines Strebens stärkere Garantien sucht als das Wohlwollen der zurzeit am Ruder befindlichen Regierung. Er drängt darauf hin. sich selb­ständig energischer und in weiterm Umfange durchzusetzen, als es ihm jedesmal in Wirklichkeit zugestanden wird. Die Versuchung liegt dabei freilich nahe, daß das Bestreben, ein politischer Machtfaktor zu werden und zn bleiben, über die Grenzen hinausführt, die durch das Interesse der Gesamtheit gezogen sind. Dieser Ver­suchung ist der Bund wiederholt erlegen. Man kann daher ein warmer Freund der Landwirtschaft sein und sich an allem beteiligen, was geeignet ist, dem Staate Grenzboten I 1909 67