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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 7. Februar 1909
(Der Besuch des Königs Eduard in Berlin und seine voraussichtliche Bedeutung für die englisch-deutschen Beziehungen. Parlamentarische Arbeiten. Adolf Stein über Kaiser Wilhelm den Zweiten.)
Der Besuch König Eduards in Berlin steht unmittelbar bevor. Wenn diese Zeilen in die Hand der Leser kommen, wird der König schon wieder an die Heimkehr denken. Es sind schon viele Betrachtungen an dieses Ereignis geknüpft worden, sodaß es kaum möglich ist, dem aufmerksamen Beobachter des taglichen Geschehens darüber noch etwas neues zu sagen. Nur das muß, wenn einmal davon die Rede ist, auch hier festgestellt werden, daß dieser Besuch in ganz Deutschland mit Genugtuung aufgenommen wird. Denn es gibt bei uns wohl nur wenige, ganz vereinzelte Kreise, die nicht den Wunsch hegen, daß sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien friedlich und freundlich gestalten mögen. Wenn es Zeiten gegeben hat, in denen die Gefühle des deutschen Volks für die verwandte Nation jenseits des Kanals weniger freundlich zu sein schienen, so ist das nach unsrer deutschen Auffassung immer der Ausdruck einer Enttäuschung gewesen, daß unser Bestreben, unsre berechtigten Interessen durchaus auf friedlichem Wege und unter loyaler Achtung fremder Rechte zu verfolgen, drüben nur Mißtrauen und Neid erweckt hat. Selbstverständlich widersteht es der berechtigten Selbstachtung eines großen Volks, einem andern Freundlichkeiten zu erweisen, wenn diese den Charakter eines unerwiderten Liebeswerbens annehmen müssen, und ebensowenig ist es unter solchen Umständen zu verwundern, wenn leidenschaftliche Gemüter bei dieser Zurückhaltung nicht stehn bleiben und nach dem Grundsatz, daß die beste Parade der Hieb ist, und daß man auf einen Schelmen anderthalbe setzen soll, auch ihrerseits den gehässigen Angriffen eines großen Teils der englischen Presse nichts schuldig bleiben wollen. Aber der von Zeit zu Zeit auch bei uns aufflammende Zorn über die englische Politik und der nebenhergehende, nie ganz einschlafende Ärger über den erwähnten Teil der englischen Presse ändert doch nichts an der grundlegenden Wahrheit, daß wir keine Feindseligkeiten gegen England hegen und uns freuen, wenn wir irgendein Zeugnis dafür erhalten, daß auch in England der Wert eines friedlichen und freundlichen Verhältnisses zwischen den beiden Nationen voll erkannt wird. Der offizielle Staatsbesuch des Königs von Großbritannien in der Hauptstadt des Deutschen Reichs ist ein besonders bedeutungsvolles Zeugnis dieser Art uud wird von uns als solches gewürdigt, wenn wir auch keineswegs glauben, daß nun mit einem Schlage alle Kräfte, die einein guten Verhältnis zwischen Deutschland und England entgegenarbeiten, außer Tätigkeit gesetzt werden.
Wir haben uns ja in diesen Betrachtungen mehrfach darüber ausgesprochen und glauben daher als bekannt voranssctzen zu dürfen, daß wir Ursachen und Gewicht der in England gegen Deutschland gehegten Vorurteile etwas anders beurteilen als die volkstümliche Meinung bei nns. Wir haben immer darauf hingewiesen, daß für die englische Weltpvlitik die Frage, wie Großbritannien zu Deutschland steht, nicht die erste Stelle einnimmt. Selbst wenn wir für unsre überseeischen Interessen den weitesten Umfang annehmen, werden wir niemals daraus einen Grund konstruieren können, die englische Weltstellung zu bedrohen. Wohl aber kann dies von andern Mächten geschehen. Früher, als sich die Interessen der sogenannten „hohen" Politik auf Europa beschränkten, konnte England diese Bedrohung dadurch von sich abwenden, daß es sich für seine Herrschaft auf den Weltmeeren die Hände frei hielt und in Europa die überlieferten politischen Interessengegensätze der Mächte und ihre gegenseitige Eisersucht nicht einschlafen ließ-