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Verbrecher bei Shakespeare
und seinen Geist mit großer Energie ausbildete und sich durch Tapferkeit im Kriege wie durch Weisheit im Rat auszeichnete. Es hat ihm alles nichts genutzt: jedermanns Hand war wider ihn, so ist er wider jedermann. Und bei seinem Streben nach der Krone kommt ihm seine unwiderstehliche Dialektik zu Hilfe, deren Siege ihn, zusammen mit den leichten Erfolgen seiner Heuchelei, die ihm verhaßten Mitmenschen auch noch als Dummköpfe verachten lehrten. Nachdem er den Thron durch eine Reihe von Verbrechen erkämpft hat, wendet sich seine Dialektik gegen ihn: der Feind der Menschheit kann nicht ihr Beherrscher sein; wer sie haßt, nicht, wie die Königswürde fordert, für ihr Wohl sorgen, wer alles Vertrauen selbst verloren und in seiner Umgebung vernichtet hat, nicht das Vertrauen finden, ohne das kein Vorgesetzter seine Untergebnen zu leiten imstande ist. Damit ist sein Untergang unvermeidlich geworden. Richards Verbrechen gehen aus Begehrlichkeit, Jagos Untaten aus reiner Bosheit hervor. Dieser hat zwar auch Gelüste, aber die Haupttriebfedern seines Handelns sind die Wut über das Glück, die Güte, die Größe andrer und der Wunsch, all dieses Schöne zu zerstören. Die Gemeinheit seiner Gesinnung äußert sich als Zynismus, aber weil er seinen Zynismen die Farbe der ungeschminkten Wahrheit zu geben versteht und damit große Klugheit, durchdringenden Scharfsinn verbindet, so wird er von seiner ganzen Umgebung, besonders von Othello, als der ein wenig ungeschlachte aber grundehrliche Freund und nützliche Ratgeber geschätzt. Im Zynismus, führt Goll aus, liegen Recht und Unrecht beieinander. Es ist wahr: unsre ganze Kultur baut sich auf dem Grunde animalischer, durch menschliche Überlegung noch verstärkter Triebe auf. Daß sie auch noch hinter den höchsten Kulturerscheinungen stecken, ist richtig, und der bösartige Zyniker findet nun seine Befriedigung darin, bei jeder Gelegenheit auf dieses dahintersteckende hinzuweisen; die Feinheiten der Kultur, die den Naturtrieb veredeln, betrachtet er als Masken, die den Trägern abgerissen werden müssen. Der edle Mensch sieht in diesen Feinheiten, in den edeln Gefühlen, Verhältnissen und Erzeugnissen, die aus dem Naturboden hervorgchn, gerade den Zweck des menschlichen Daseins. Er will die Durchschnittsmenschen, die dem Naturboden noch zu nahe stehn, auf sein Niveau emporheben, der Zyniker will die Ausnahmemenschen auf das Niveau des Durchschnittsmenschen herabziehn und möchte die ganze Kultur zur Natur, womit er die Tierheit meint, zurückschrauben. Freilich, fährt Goll fort, gibt es auch sympathische Zyniker. Gleich dem bösartigen, haßt auch der edle Zyniker „die entlehnten Federn", und er zieht sie aus, aber nicht ohne Sorge. Er liebt das Gute, nur durch die Enttäuschungen, die er erlitten hat, ist er Zyniker geworden; er sieht sich durch seine Erfahrungen gezwungen, die Menschen für schlechter zu halten, als sie sich geben, aber um alles in der Welt möchte er keinen Menschen schlechter machen; findet er wider Erwarten Gutes in einem, so freut er sich dessen. Jagos grausame Zerstörungslust ist nun noch erotisch gefärbt. Am liebsten würde er Desdemona selbst besitzen und seine Lüste an ihr befriedigen. Da