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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 17. Januar 1909
(Wendung in der Orientfrage. Das Arbeitskammergesetz im Reichstage. Die Finauzkommission. Die Finanzlage in Preußen. Eine Debatte über „Nacktkultur".)
Die Spannung, die noch vor acht Tagen in der hohen Politik herrschte, ist endlich so weit gewichen, daß man wieder mit mehr Vertrauen der weitern Entwicklung entgegensehen kann. Die Pforte hat den österreichisch-ungarischen Vorschlag, der bekanntlich in dem Anerbieten einer Entschädigung für die in Bosnien und der Herzegowina gelegnen türkischen Staatsgüter bestand, im Prinzip angenommen. Es ist also die. Grundlage für neue Verhandlungen gewonnen worden, und zwar ist diese Grundlage derart, daß eine Verständigung in sichrer Aussicht steht. Kommt eine solche zustande, so ist allen politischen Treibereien, die eine Störung des europäischen Friedens zur Folge haben können, vorläufig der Boden unter den Füßen weggezogen, und es müßten schon neue Zwischenfälle und im Anschluß daran ganz neue Politische Maßnahmen der Mächte eintreten, wenn es zu weitern politischen Spannungen kommen sollte. Das kann natürlich niemand voraussehn, denn mit irgendwelchen Zwischenfällen wird man auf der Balkanhalbinsel immer rechnen müssen. Aber mit Prophetenkünsten kann sich die Politik überhaupt nicht abgeben. Wenn jetzt von einer Beurteilung der Orientfrage und ihrer wahrscheinlichen nächsten Entwicklung die Rede ist, so ist das immer nur mit der Einschränkung zu verstehn, daß sich das Urteil auf die augenblicklich vorliegenden Fragen und Verwicklungen bezieht. Es handelt sich jetzt um die Lösung der Krisis, die durch die Annexion Bosniens und der Herzegowina und durch die Unabhttngigkeitserklärung Bulgariens entstanden ist. Die nationalen Empfindlichkeiten, die hierdurch in der soeben erst in einen Verfassungsstaat umgewandelten Türkei erregt wurden, drohten einen Konflikt mit Österreich-Ungarn herbeizuführen, wobei auch Serbien und Montenegro auf seiten der Türkei gestanden hätten. Diese Gefahr wnrde verstärkt durch die moralische Unterstützung, die die Pforte durch die englische Politik erhielt, und ebenso auch dadurch, daß Rußland im Sinne seiner traditionellen Balkaupolitik zu handeln glaubte, wenn es die serbische Großmannssucht im Königreich und in Montenegro anstacheln half und sich unter Berufung auf die Heiligkeit internationaler Verträge den Forderungen Österreich-Ungarns entgegenstellte. Für Rußland kam als besondre Lockung zugunsten dieser Politik diesmal hinzu, daß es panslawistische Balkanpolitik treiben konnte, ohne der Türkei feindlich gegenübertreten zu müssen. Und während es sonst die Regel war, daß England und Rußland in Orientfragen die schärfsten Gegensätze darstellten, konnten sie diesmal friedlich Hand in Hand wandeln. Das war in diesem Falle um so bedeutsamer, als es nicht nur die zufällige Stellungnahme zu den einzelnen Fragen der Orientpolitik war, was die beiden Großmächte zusammenführte; auch allgemeine weltpolitische Erwägungen haben ja bekanntlich England und Rußland veranlaßt, ihre frühere gegensätzliche Politik, wie sie durch die asiatischen Verhältnisse herbeigeführt worden war, durch eine Politik der Verständigung zu ersetzen. Die Umstände lagen also so, daß sich die Türkei wohl ermutigt fühlen konnte, den Konflikt mit Österreich-Ungarn einer verhängnisvollen Verschärfung entgegenzutreiben. Das wäre freilich wenig staatsklug gewesen, denn wesentliche Vorteile, die den zu bringenden Opfern im Fall eines ohnehin wenig aussichtsvollen Krieges entsprochen hätten, waren für die Türkei keinesfalls zu erlangen, und von dem bloßen Vergnügen, unter Umständen die Brandfackel in das europäische Staatengebäude zu werfen, hätte die Türkei blutwenig Gewinn gehabt, wahrscheinlich aber die stärksten Nackenschläge für ihre eignen wirtschaftlichen und politischen Bedürfnisse erfahren. Aber wir haben oft genug Gelegenheit gehabt, darauf hinzuweisen, daß auf den