72
Rrimmalxolitische Irrtümer
Wirth beurteilt die Dinge entschieden zn pessimistisch nnd übertrügt diese Stimmung leider mich auf die Erörterung nnsrer Weltpolitik, indem er gelegentlich auf unsre angebliche Erfolglosigkeit und Isolierung zu sprechen kommt. Dieser Anlaß bietet Gelegenheit, einmal die Frage zu erörteru,, was es eigentlich mit der sogenannten Einkreisung unsers Vaterlandes für eine Bewandtnis hat. Die Weltgeschichte lehrt, das; Koalitionen immer nur gegen einen Staat geschlossen worden sind, der für stärker und mächtiger galt als alle andern Staaten. Die sxlenäicl isol^twn Englands vor zwanzig Jahren bezeichnete den Höhepunkt seiner Macht. Das Deutsche Reich befindet sich nun heute auf dem aufsteigenden Ast, während England den Kulminationspunkts wie es selbst zugibt, schon überschritten hat. Das deutsche Volk sollte sich also daran gewöhnen, in der Einkreisung seines Vaterlandes nicht ein Zeichen der Schwäche, sondern einen Beweis seiner Stärke zu sehn, daneben aber auch die notwendigen Konsequenzen aus dieser Konstellation zu ziehen. v. F.
Kriminalpolitische Irrtümer
W
in wandernder Schneider, der im Anfang des vorigen Jahrhunderts durch die deutschen Lande zog. predigte der Menschheit den Satz: „Frei wollen wir werden wie die Vögel des Himmels, sorgenlos in heitern Zügen und süßer Harmonie durchs Leben ziehen wie sie." Der Schneider war Weitling, der Kommunist, nnd sein Werk hieß: „Garantien der Harmonie und der Freiheit". Spruch und Bnch- iuhalt küuden den Menschen eine Friedensordnung, die kein Verbrechen kennt, weil es unter ihrer Herrschaft keine Versuchung gibt. Aber den Kommnnismus, von dem die politische Philosophie des wandernden Schneiderleins schwärmte, besteht heute schon, wie er damals bestand. Es ist der Kommunismus am blauen Himmel, am grünen Blütterdach, an der murmelnden Quelle, an dem kürglichen Viatikum der Landstraße, daran auch Spatzen und Goldammern teilhaben. Wer seine Ansprüche nicht höher stellt, wird nicht mehr kriminell als die Spatzen, wenn sie sich die fettesten Brocken abjagen und sich das Federkleid zerraufen. Er braucht höchstens noch die paar Heilmittel, die Wcitling gegen den natürlichen Rest menschlicher Schwächen und Krankheiten verschreibt, nm vollkommne Seligkeit zu erreichen. Über diese romantischen Phantastereien ist die von heftigem und schrankenbrechendem Wollen und Wünschen geplagte Menschheit lächelnd hinweggestiegen. Die Moderne hat die Menschen nur gieriger gemacht, die Werte des Lebens, die sie dafür hält, an sich zu ziehn, koste es, was es wolle, koste es auch das Verbrechen. Wir wissen das nur zu genan, wir wissen es sogar genauer als früher, mindestens zahlenmäßiger.