Neue Lyrik
479
katholischen Lehre von der Verdienstlichkeit der Klostergelübde Tausende von Unberufnen zum Eintritt verlockt. Und in Beziehung auf die beschaulichen Orden, deren Leben durchaus unnatürlich ist, gibt es überhaupt keine Berufnen. Teresa konnte seelisch gesund bleiben, weil sie in der Zeit ihrer Beschaulichkeit mit eifrigem Studium, mit der Verarbeitung ihrer außerordentlichen innern Erfahrungen und deren Niederschrift beschäftigt war (nebenbei hat sie auch fleißig gesponnen), in der zweiten Periode ihrer Klosterzeit aber, wo sie die Gründungen in Anspruch nahmen, gar nicht klösterlich gelebt hat; aber der großen Masse der Karmelitinnen (die männlichen Mitglieder des Ordens können wenigstens in der Seelsorge aushelfen) ist keine andre Beschäftigung übrig geblieben als beten, das heißt brüten (denn kein Mensch kann täglich stundenlang beten) und ein bißchen Tändelei wie das Bekleiden und Schmücken von wächsernen Jesuskindlein und ähnlichen Puppen. Die durch die Ordensregel vorgeschriebne Handarbeit, die die Seelen noch einigermaßen gesund erhalten könnte, ist eingegangen, mußte schon aus dem Grunde eingehn, weil das Spinnen und die Handweberei überhaupt aufgehört haben. Schon Teresa klagte einmal, daß die im Kloster gefertigte Leinwand keinen Absatz finde. Der Karmeliterorden hat weder Lebensfähigkeit noch Existenzberechtigung mehr; der ganz anders geartete Jesuitenorden wird sich noch eine Zeit lang behaupten
können. _ Carl Jentsch
Neue Lyrik
von Heinrich Spiero
einrich Hart hat einmal in seiner frischen Weise festgestellt, wie immer wieder durch alle literarischen Zustünde im Wechsel der Zeit und des Geschmacks zwei Typen hindurchgehn: der Enthusiast und der Pessimist; jener immer das alte Wort auf den Lippen, daß es eine Lust sei zu leben — dieser immer bereit, die noch ältere Mahnung an die Konsuln auszusprechen, sie mögen das Gemeinwohl vor drohendem Schaden bewahren. In Übergangszeiten voll jäher Ereignisse, auffälliger Erscheinungen pflegen diese beiden Beherrscher und Verkünder öffentlicher Meinungen das Feld fast für sich allein zu haben; in ruhigern Zeitläufen teilen sie es immerhin mit Betrachtern, die sich, von jeder Parteieingenommenheit befreit, bemühen, das Vorhcmdne und Werdende in der ruhigen Erwartung zu prüfen, daß nach dem Abschwellen der großen Gegensätze Tüchtiges und Erfreuliches geleistet werden könne. Dabei gebe ich ohne weiteres zu, daß jene nun einmal hinter uns liegenden Tage stürmischer Erwartung auf der einen, heftiger Verdammung auf der andern Seite auch ihren großen Reiz haben; und wenn wir heute zum Beispiel in des nun auch schon