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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 24. Mai 1908
(Zur Marokkofrage. König Eduards Besuch beim Zaren. Die Bagdadbahn. Die Wahlbewegung in Preußen.)
Zu Beginn der verflossenen Woche hatte die politische Welt — oder war es vielmehr die Börsenwelt? — einen kleinen Anfall von Nervosität. Während seines Aufenthalts in Wiesbaden hatte der Kaiser eine Veranstaltung abgesagt, um Vorträge entgegenzunehmen, und das gerade in einem Augenblick, als gewisse Nachrichten über das Vorgehn der Franzosen in Marokko unwirsche Klagen über französische Rücksichtslosigkeiten und Eigenmächtigkeiten gegenüber deutschen Interessen hervorgerufen hatten. Man flüsterte von einer plötzlichen Zuspitzung der politischen Lage und glaubte eine Parallele zu finden zwischen dem, was sich jetzt in Wiesbaden abspielte, und den verhängnisvollen Ereignissen von Eins im Jahre 1870. Es war blinder Lärm, aber die nervöse Stimmung spiegelte das Unbehagen wider, das sich bei den Nachrichten aus Marokko weiter Kreise bemächtigt hatte.
Es war freilich kaum noch zu verbergen, daß das französische Expeditionskorps in Marokko anfing, sich mit zunehmender Unbekümmertheit über die Verpflichtungen, die ihm die Algecirasakte auferlegte, hinwegzusetzen. Und wenn auch vielleicht die französische Regierung das loyale Entgegenkommen der deutschen Reichsregierung dankbar anerkannte, so war doch die gerechte Würdigung dieses Sachverhalts anscheinend in den Vorzimmern am Quai d'Orsny stecken geblieben; dem französischen Volk und Heer erschienen die Deutschen mit ihrer ständigen Berufung auf die Algecirasakte als übelwollende Mahner, und dementsprechend erschien auch, was die deutsche Regierung der französischen loyal eingeräumt hatte, als widerwillig gemachtes, von Zaghaftigkeit und Schwäche eingegebnes Zugeständnis an die kühne Initiative der französischen Marokkopolitik. In dem Gebaren des französischen Expeditionskorps mußte diese Auffassung mit der Zeit so stark hervortreten, daß es auf die ganze politische Lage zurückwirken mußte. Mit zunehmender Schärfe meldeten die Berichte der Vertreter deutscher Interessen in Marokko, daß sich das Vorgehn der Franzosen nicht nur immer weniger mit der Algecirasakte vereinigen lasse, sondern immer offenkundiger eine Spitze besonders gegen die deutschen Interessen herauskehre. Nun kam dazu auch noch der Zwischensall mit nnem deutschen Schutzbefohlnen, ein Fall, dessen peinliche Nebenumstände zwar in einem Bericht des Generals dÄmade zum Teil abzuleugnen versucht wurden, der aber nicht ganz verschleiert werden konnte und immer noch genug übrig ließ, was der deutschen Regierung zu ernsten Vorstellungen Anlaß bieten konnte. Man darf auch wohl annehmen, daß die französische Regierung nicht in Zweifel darüber gelassen worden ist, daß sie im Begriff stand, den Bogen zu überspannen. Es scheint, als ob sich die französische Regierung nun doch die Frage vorgelegt hat, ob sie es verantworten kann, die Dinge so weiter laufen zu lassen, oder ob es nicht vielmehr notwendig ist, das Verhalten der Truppen in Marokko mehr in Übereinstimmung mit der offiziell verkündeten und vertretnen Politik Frankreichs zu bringen. Darauf ist es Wohl zurückzuführen, daß neuerdings ernstlich von Räumung einzelner Gebietsteile in Marokko, von Einschränkung der Operationen und Zurückziehung eines Teils der Truppen die Rede ist.
Vorläufig überwiegt also auch in Frankreich augenscheinlich das Bedürfnis, das mühsam genug hergestellte politische Gleichgewicht in der Weltlage nicht leichtfertig zu stören. Der moralische Rückhalt, den Frankreich an England findet, genügt doch nicht, um Deutschland von seinem fest und klar eingenommnen Stand-