Beitrag 
Maienfest : aus dem Griechischen von K. Dieterich
Seite
292
Einzelbild herunterladen
 

292

Maßgebliches und Unmaßgebliches

doch die Gedanken besänftigen, die aufgepeitscht durch sein Hirn jagen! Etwas summt in seinem Innern, etwas empört sich, etwas stürzt zusammen. Wie Fesseln, wie grausame Fesseln löst es sich los, wie ein Wind erhebt es sich in den Trümmern seiner Seele und verjagt die Schatten.

Er steht auf. Zerhauen ist der Strick, der ihn gefesselt hielt. Er nimmt die Kränze, einen nach dem andern, von den Wänden und legt sie auf einen Haufen. Es rascheln die dürren Zweige, der Staub wirbelt wie eine stickige Dampfwolke auf, die Blätter zerreiben sich in seinen Fingern zu Staub.

Er geht hinunter in den Hof. Der letzte Augenblick ist da. Er häuft die Kränze auf dem Boden auf. Seine ganze fruchtlose Vergangenheit hat er jetzt auf einem Trauerhügel vor sich. In der Hand hält er eine brennende Kerze. Vor­wärts! spricht eine Stimme zu ihm; es würgt in ihm, er schließt die Augen, um nicht zu sehn, und hält die Kerze an den Blätterhaufen. Die trocknen Zweige knistern, und eine rötliche Flamme züngelt hoch empor in die stille Luft. Ein Qualm steigt aus der glühenden Asche auf.

Es ist aus er ist wiedergeboren. Nichts verbindet ihn mehr mit der Vergangenheit. Er hat einen Strich darunter gezogen. Die Luft strömt wohligen Duft aus. In der Ferne dehnt sich unabsehbar ein blühendes Gefilde. Weidende Herden, flatternde Schmetterlinge, lustig gaukelnde Insekten. Das Leben ist auf dem Siedepunkte. Es ist der erste Mai. Er hat den Weg nach dem Lande zu eingeschlagen. Sein Geist ist nun friedevoll, seine Füße sind leicht. Das Leben lächelt ihm lieblich zn. Vögel flattern ihm singend ums Haupt. Er macht sich auf, um Feldblumen vom Berge zu pflücken und mit eigner Hand den neuen Maien­kranz daraus zu winden; seinen eignen Kranz, keinen gekauften. Seine Füße sind stark; er könnte bis zum Gipfel des Berges emporklimmen wie ein Adler. Er ist jetzt selbst ein Adler.

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel 3. Mai 1908

(Das Kaiserpaar auf Korfu. Österreich und Italien. Die deutschen Bundes- fürsten beim Kaiser Franz Joseph. Der deutsch-französische Vertrag über die Ab­grenzung von Kamerun. Ostasiatisches.)

Das Kaiserpaar hat am 3. Mai Korfu wieder verlassen, um die Rückreise nach der Heimat anzutreten. Zum erstenmal in seiner Geschichte hat das liebliche Ei­land der Phäaken und des Alkinoos, des Odysseus und der Nausikaa einen mo­dernen fürstlichen Hofhalt großen Stils gesehen. Denn der Kaiser reiste eben doch nicht als Privatmann, sondern mit großem Gefolge, und er wurde auch nicht als solcher, sondern als Monarch eines mächtigen Reichs von allen Seiten behandelt. Nicht nur die griechische Königsfamilie, die ja mit dem Kaiserhause eng verwandt ist, begrüßte ihn im Geleite von Kriegsschiffen auf Korfu, sondern auch ein eng­lisches und ein österreichisches Geschwader wie eine Abordnung des Sultans erschien; und das klassische Achilleion, der Ruhesitz der unglücklichen Kaiserin Elisabeth, die hier in stiller Znrückgezogenheit Vergessenheit suchte, wimmelte von glänzenden Hoftoiletten und bunten Uniformen. Das Idyllische Korfus trat dabei freilich ganz in den Hintergrund. Ein Kaiser hat es eben nicht so gut wie andre