Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel, ' , " Berlin. 19. April 1908
(Ein Rückblick auf die Politik des Fürsten Bülvw.)
Nach Ostern wird zwar der Reichstag noch einmal auf kurze Zeit zusammentreten, aber nur um eiue Art von Nachlese zu halten und einiges Material aufzuarbeiten, das nicht bis zum Herbst liegen bleiben kaun. In der Hauptsache ist der parlamentarische Winterfeldzug schon jetzt beendet, und damit ist eine natürliche Ruhepause eingetreten, die jetzt in der Festzeit zu einem Rückblick auf die politische Lage des Reiches ausfordert.
In der auswärtigen Politik hat sich nicht viel geändert. Unsre Politik ist friedfertig und zurückhaltend, nur darauf bedacht, der natürlichen, friedlichen Entwicklung wirtschaftlicher Kräfte die Bahn offen zu halten, wobei das Schwergewicht der Machtmittel, die wir zur Erhaltung und Verteidigung unsrer Weltstellung sorgfältig zn pflegen suchen, zwar nur im Hintergrunde bleibt, aber doch nicht außer Wirksamkeit gesetzt wird. Daß eine solche Politik, die nicht jedem Geschmack und Temperament entspricht, in verschiednen Strömungen unsrer öffentlichen Meinung viel Anfechtung findet, ist selbstverständlich. Mäßigung und Voraussicht sind Eigenschaften, die schon im Alltagsleben nicht gerade auf der Gasse zu finden sind, noch weniger natürlich in Fragen, deren Raum- und Zeitmaß über den Gesichtskreis der großen Menge weit hinausgeht. Nun liegt ja freilich in den Regungen, die unsre auswärtige Politik zu zaghaft und zu wenig unternehmend und großzügig finden, sehr viel Tüchtiges und Ehrenwertes; man will das nationale Selbstbewußtsein, den Sinn für Macht, die Opferbereitschaft für das Vorwärtsschreiten auf der Bahn nationaler Größe freier entwickelt und mindestens nicht unterdrückt sehen. Gewiß ist die Pflege dieser Richtung nationalen Empfindens von großer Bedeutung. Aber es ist doch nur eine Seite der politischen Erziehung, und sie kann nicht bestimmend für die Führung der praktischen Politik sein. Es ist ungefähr gerade ein Jahr her, als Professor Gustav Schmoller „Deutschlands uud Preußens äußere und innere Politik in der Gegenwart" in einer Reihe von Aufsätzen in der Wiener Neuen Freien Presse beleuchtete. Dabei wies er an geschichtlichen Beispielen schlagend nach, daß „Staaten, die nach einer großen Epoche siegreicher Kriege und Machterweiterung nicht längere Zeit stillehielten, von ihrer Höhe ebenso schnell herabstürzten, wie sie aufgestiegen waren". So müssen wir auch jetzt erkennen, daß die Führung unsrer auswärtigen Politik die richtige Linie innehält, wenn sie die Macht, die das Deutsche Reich erlangt hat, nicht aufs Spiel setzt, um allerlei Lockungen und dem bloßen Schein ihrer Erweiterung nachzugehn, sondern sie sorgfältig zusammenhält, damit sich alle wirtschaftlichen Kräfte ruhig entfalten und im Wettbewerb mit andern Nationen friedlich durchsetzen können.
Natürlich wirkt auch das auf viele Bestrebungen des Auslandes recht unbequem, und so werden wir noch auf lange Zeit mit dem Neid und der Gehässigkeit andrer Nationen zu rechnen haben. Die Taktik, die von diesen ausländischen Kreisen dabei geübt wird, ergibt sich eigentlich von selbst. Weil sich Deutschland durch eine Reihe von Kriegen seine Einigung und Machtstellung errungen hat, wird es fortgesetzt kriegerischer Gelüste beschuldigt. Das Mißtrauen der öffentlichen Meinung wird im Auslande nach Möglichkeit gegen uns rege gehalten. Um aber deir Widerspruch zwischen den Hinweisen auf die Ausdehnungsgelüste Deutschlands und der Tatsache, daß dieses mächtige Reich trotzdem eine friedliche Politik betreibt, zu erklären, wird das Märchen in die Welt gesetzt, daß die Stützen der deutschen Macht innerlich morsch geworden und im Verfall begriffen seien, und daß es die Furcht vor den durch Bündnisse gestärkten auswärtigen Mächten und das Bewußtsein-der Schwäche sei, die die Aktionslust der deutschen Politik im Schach halten.