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Granada. 2
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Granada

M W

von Klara Fincke

enn Wir die Gemächer der Alhambra durchwandern, die uns gleichsam als ein verkörpertes Märchen der Königin Scheheresade erscheinen, dann können wir es kaum fasseu, daß die spanische Nation dieses Zauberschloß dem Verfall entgegengehn ließ, und daß erst um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit der Restaurierung be­gonnen wurde. Es sah übel genug in den herrlichen Räumen aus. Niemand bekümmerte sich darum, wer darin hauste. Allerlei Volk trieb hier sein Wesen, so entweihten Wäscherinnen das Becken im Myrtenhof zum Waschtrog, und heimatlose Bettler schliefen in den halbverfallnen Prunksälen. Da endlich entschloß sich die spanische Negierung, durch Aussetzung einer all­jährlichen Summe die Erhaltung und Restauration der Alhambra zu ermöglichen. Es sind zwar nur 12000 Mark, aber das Eintrittsgeld von Tausenden von Kunstpilgern aus aller Herren Ländern, das noch dazukommt, erreicht schon eine sehr bedeutende Höhe.

Durch einen langen, dunkeln Gang kommt man vom Palast Karls des Fünften in den Myrtenhof, der ganz von strahlendem Licht Übergossen ist. Wie durch den Schlag eines Zanberstabes glauben wir uns in den Orient und um Jahrhunderte zurückversetzt. Die Mitte des Hofes bildet ein großes Reservoir m Form eines Parallelogramms, grüne Myrtenhecken fassen es auf beiden Seiten em. Die reizenden, von je sechs schlanken Marmorsäulen getragnen Galerien, die reich verzierte Rundbogen tragen, die farbenprächtigen Stuckornameute, die wie Spitzenvorhünge von den Wänden herabwallen, die zierlichen Gitterfenster "nd das Widerspiel aller dieser Pracht in dem unbeweglichen Wasser vergegen­wärtigen uns die paradiesische Glückseligkeit, die die Schöpfer dieser Stätte hier empfunden haben mögen. Die Alkoven an den Enden der Scitengalerien zeigen Stalaktitenwölbungen, arabische Jnsckriften preisen Mohammed den Fünften als den Erbauer dieses Hofes, den Eroberer von Algeciras, und Verse rühmen die Güte Gottes.

Fast unbegreiflich will es erscheinen, daß die Skulpturen von Gips, aus dem die zarten Gebilde der Wandbekleidungen bestehn, der Zeit Widerstand geleistet haben. Keine Linie ihrer Oberslüche ist verwischt. Allerdings war das Material von etwas haltbarer Beschaffenheit und scheint eine Art Zement gewesen zn sein, den man aus einer bei Granada gefundnen Steinart herstellte, die Pulverisiert wurde. Das im Jahre 1890 im Myrtenhof ausgebrochne Feuer hat das herrliche Dach der Galerien, ein Mosaik aus Zedernholz mit geome­trischen Figuren, zerstört. Es ist, wenn auch nicht sehr glücklich, erneut worden. Auch die anstoßende Vorhalle zum Comaresturm, Sala de la Barca, brannte "us. Ihr Tonnengewölbe erinnerte an eine umgekehrte Barke. Unter der Reihe der schimmernden Gemächer hebe» wir besonders denSaal der Ge­sandten" hervor, der den ganzen Turm einnimmt, und dessen Ornamentik