M
Der Marquis von (Larabas
Roman von Palle Rosenkrantz Zweites Kapitel
(worin das Leben und die Menschen von einer andern Seite gesehen werden und der Verfasser als schlichter Geist, der er ist — ebenso wie Katt — wiederum wortreich wird)
ährend der Marquis im Festsaale tcinzte, brachten Katt und Pips den Abend in einem Arbeitertheater in der Vorstadt zu. Pips hatte trübselig den Kopf hangen lassen, und deshalb war es Katt passend erschienen, sie durch eine Naturkomödie, über deren Inhalt er in einem Arbeiterblatte gelesen hatte, aufzuheitern. Die Vorstellung wurde in einem Versaminlungshanse gegeben, dessen eine Seite den Standplatz für einen Thespiskarren abgab. Bedient wurde dieser von achtbaren Arbeitern und Arbeiterinnen aus der obersten Hälfte dieses Standes, wohlgestellten, zufriednen und vrganisierten Leuten, die die Zeit gelehrt hatte, das Leben nach Kräften auszunutzen, wie es das Recht und die Pflicht der Menschen ist.
Das Lokal war hell und freundlich, und die meisten der Zuschauer wäre» vergnügt und wohlgekleidet: Männer mit ihren Frauen, häufig auch Frauen mit ihren Männern, Fabrikarbeiterinnen und Nähterinnen mit ihren Liebsten, dazwischen bleiche und müde weibliche Wesen, aber mich frische und gesunde junge Mädchen, die alles sahen und fühlten und sich auch nicht scheuten zu reden.
Das Licht des Kronleuchters au der Decke ergoß sich über vielfarbige Blusen und Taillen, über Haarkämme und Haargekräusel, es fiel auf gebeugte Kopfe mit spärlichem, armseligem Haarwuchs, auf abgenutzte schwarze Kleider und bescheidne Halskransen; hier und dort traf es auch auf gefurchte und von der Sorge gekennzeichnete Stirnen, doch wenn man die ganze Menge als eine Einheit auffaßte und Besicht für Gesicht zu einem einzigen großen, vielköpfigen Wesen vereinigte, so fand wan alle Furcheu ausgeglättet und als gemeinsamen Charakter eine sinnige Ruhe, eine gefaßte Erwartung und das Gefühl, Schulter an Schulter unter gemeinsamer Aagge zu stehn.
Katt und Pips saßen etwas nach hinten, einsam, weil sie niemand kannten, und unbeachtet, weil die Menschen der Großstadt niemals den einzelnen sehn. Der Vorhang wurde nach links gezogen, und über den Saal, der nun in Finsternis lag, breitete die Andächtigkeit ihre Flügel des Schweigens. Es war ein modernes Volksschauspiel, das gegeben wurde, von einem Mitgliede des Zirkels geschrieben und für denselben Zirkel zur Aufführung berechnet. Die Szenerie stellte ein stilles Arbeiterheim im Hinterhause dar, in das die Sonne selten hineinscheint, und in dem die Genügsamkeit durch die Öldrucke an den Wänden und die wenigen steifen Möbel eine deutliche Sprache redet. Auch die halb zerbrochnen Glasvasen, deren Blumen getrocknetes Gras sind, bekunden die Bescheidenheit der Bewohner. Es ist ein Heim, dessen Fenster mit Kattungardinen behängt sind, und worin viele Menschen in wenigen und engen Räumen wohnen müssen.
Grenzboten I 1908 5«