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Sozialdemnkratische Agitation und Landbevölkerung
verfallen soll, der zivilisierten. Aber heute, wo die Lehre, daß der Mensch „sich ausleben", seinen Naturtrieben rückhaltlos folgen solle, aus den Kreisen unverantwortlicher PseudoPhilosophen immer weiter dringt und schon die gebildete Jugend angefressen hat, wo auch die Ehe nicht mehr für heilig gilt, sondern durch „freiere" Formen ersetzt werden soll, wo der bisher festgehaltn? rechtliche Unterschied der Geschlechter im Namen der Gleichberechtigung grund- verschiedner Menschenwesen möglichst aufgehoben werden soll, da dürfen solche Erscheinungen, wie sie bei jenem widerwärtigen Prozeß ans Tageslicht getreten sind, eigentlich nicht befremden. Es ist ähnlich wie vor hundert Jahren. Auch damals waren die alten sittlich-religiösen Grundlagen erschüttert, es herrschte die Lehre vom Alleinrechte des Individuums, dessen Interessen zugunsten der Allgemeinheit zu beschränken für inhuman galt; die Neigung zu feinerm oder gröberm Lebensgenuß und sittliche Leichtfertigkeit beherrschten weite Kreise, ein langer Friede hatte den Wohlstand mächtig gehoben und den Gedanken, der jeden Staat tragen muß, die Pflicht zur Aufopferung des persönlichen Interesses für das Ganze beinahe zerstört. Damals mußte eine furchtbare Katastrophe kommen, um unser Volk zu den einfachsten sittlichen Grundlagen zurückzuführen, und das war nur möglich, weil sein Kern noch gesund war. Heute genießen wir beinahe ebensolange den Frieden wie damals und sind reich geworden. Möge keine Katastrophe nötig sein, um unser Volk auf dem weitern Hinabgleiten nach der schiefen Ebene zu bewahren, auf die man es zu drängen sncht. »
Hozialdemokratische Agitation und Landbevölkerung
eit dem günstigen Ausfall der letzten Neichstagswahlen wiegt man sich in zahlreichen politischen Kreisen in ein Sicherheitsgefühl, das bedenklich erscheint. Man glaubt, die Hauptarbeit in der Bekämpfung sozialdemokratischer Ideen sei getan, man könne sich nun andern politischen Arbeitsgebieten zuwenden. Das ist ein großer Irrtum und ein gefährlicher dazu. Die Sozialdemokratie hat seit den Januartagen 1907 offenbar nach zwei Seiten ihre Taktik geändert, um ihre alte Zugkraft für die Massen wieder zu gewinnen. Sie läßt ihren internationalen Charakter in der praktischen Agitation zurücktreten, sie heuchelt Patriotismus und Ncitionalgefühl; sie hat ferner ihre Organisations- und Agitationsarbeit sorgfältig revidiert. Als neues Mittel ist aufgenommen worden, die sozial- demokratische Werbearbeit aufs platte Land hinauszutragen. Wer nur einen Blick in die sozialdemokratische Tagespresse der letzten Monate geworfen hat, dem wird aufgefallen sein, wie ungleich häufiger als früher man sich mit der Landbevölkerung beschäftigt; namentlich ist die Gesindeordnung unter dem