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Ein Ereignis in meinem Berufsleben
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Das Gnadenfest der heiligen Anna

dann auch die Unschuld der Hedwig R. herausgestellt, da die Brosche bei einem andern Mädchen vorgefunden wurde.

Die Ehre von Hedwig R. war gerettet, und wäre die Schuldige nur vier­undzwanzig Stunden früher entdeckt worden, so wäre der unselige Entschluß nicht zur Ausführung gekommen.

Jahre sind darüber hingegangen, und langsam ist die tiefe Erschütterung über dies traurige Geschick von mir gewichen, aber immer wieder steigt die Erinnerung auf in mir an diese Menschenblüte, die im Begriff war, sich zu entfalten, und die ein rauhes Schicksal vorzeitig zum Welken brachte.

Möchte diese auf Wahrheit beruhende Geschichte doch auch dazu beitragen, das Interesse weiterer Kreise auf die armen Unglücklichen zu lenken, die vielfach nur durch ein widriges Geschick dem Verbrechen und dem Laster in die Arme geworfen und nicht imstande sind, aus eigner Kraft ihr Leben wieder in andre Bahnen zu lenken.

^)as Gnadenfest der heiligen Anna

von Llara Hohrath (Schluß)

ie farblos ging das Gnadenfest diesmal vorüber, wie häßlich klang der rauhe Ruf der Bettler, wie traurig sahen sich die vielen Kranken an. Wie erschreckend groß war diesmal der Zug der Witwen des Meeres oder erschien es nur den beiden einsamen Frauen der Palude so, die ihn zitternden Herzens an sich vorüberziehen ließen, um sich dann' den letzten demütigsten Betern der Prozession anzuschließen? Wie schlich der Winter so langsam hin. Der alte Lolz saß nun des Abends allein auf der Herdbank uud sah den zwei stillen Frauen zu, wie sie spannen. Er nickte vor sich hin. Er wollte sein Bestes tun, den abwesenden Gildas zu ersetzen. In zwei Jahren bin ich wieder hier, hatte der bei seinem hastigen Abschied zu ihm gesagt, wenn du bis dahin treu aushältst und mir das Gut und die Frauen un­versehrt bewahrst, so soll es dein Schaden nicht sein!

Nun tat er ja, was er konnte, der alte Lmz, aber es ging ihm wie den Frauen: er wußte, daß es wenig Bedeutung hat, wenn ein Seefahrer einen Termin für seine Heimkehr angibt. In zwei Jahren? Wenn er nur überhaupt heimkehrte, der törichte Ausreißer!

Das Zubettgehn der beiden Frauen ging jetzt schneller vonstatten als früher, Nolas Haare brauchten nicht mehr gekämmt und geflochten zu werden, sie hatte sie sich dicht am Kopfe abgeschnitten. Die blonde Haarmähne hing jetzt drüben in der Kirche an demselben Nagel wie die rote Korallenkette aus ihren Kindertagen.

Das Frühjahr kam, aber es brachte keine Nachricht von Gildas. Warm und trocken wurde der Sommer, er machte die Körper und die Herzen müde. Das Meer schien zn schlafen. Es lächelte in ewiger Bläue. Aus dem Bangen und Hoffen der Menschen wurde ein mattes Träumen, ein müdes Sichzufriedengeben.... Die Zeit schlich ja herum----

Nun war er schon anderthalb Jahre fort! Wenn er Wort hielt, so mußte er in wenigen Monaten nein, in wenigen Wochen znrücksein, der große schreib­faule Gildas. Ließ sich das ausdenken? Nein! Sie wußten ja nicht einmal, auf