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Hauptmann Lindenbusch
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Das Gnadenfest der heiligen Anna

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ich erkannt, daß nicht das unfruchtbare Auflösen und Zerstören, sondern das ge­sunde fruchtbare Aufbauen und Werteschaffen die höchste Bestimmung und das schönste Glück des Menschen ist. In einer Art von ideologischem Größenwahn war ich damals nahe daran, mich nn die nörgelnden Zaungäste der praktischen Kulturarbeit anzuschließen. Die krepierende Granate und die dadurch verursachte Tragik haben mich damals zur Vernunft gebracht.

Die Sterne standen schon schimmernd am Herbsthimmel, als er mich ein Stück Wegs nach der Stadt zurückbegleitete.

Sie werden es mir nachfühlen, sagte er, wie zufrieden ich bin, daß mein Schicksal solche Wendung genommen hat. Svldatenstand und Bauernstand gehören zusammen wie Batterie und Munitionskolonne; ich bin nun zur Munitionskolonne gekommen, und ich werde meinen Posten versehen bis zum letzten Atemzuge. Als ich von der Festung kam, war ich ein nutzloser einsamer Mann; hier in der Sorge für eine um ihr Glück betrogne Familie, hier auf der Bauernscholle, die ich mit meinem kleinen Kapital und meiner Hände Arbeit erweitern und verbessern durfte, habe ich wieder einen Lebenszweck und eine durch Sühne gereinigte Lebensfreude gewonnen. Ich wollte und durfte die Familie des unglücklichen Kanoniers nicht hinuntersinken lassen ins Proletariat. O ich weiß, daß man über meinen Schritt die Achseln gezuckt hat, daß viele ihn nicht für standesgemäß gehalten haben; aber es gab für mich keinen andern Weg. Der gemeinsame Gedanke an den durch meine Schuld zerrissenen Landmehrmann hat mich mit dieser Familie unauflöslich ver­knüpft. Wir halten sein Andenken heilig und in diesem Andenken haben wir uns die Hand gereicht. Und wie das liebe Mcirgellchen, das damals am Grabe ihres Vaters mit den Fäusten nach mir schlug, wie der kleine freundliche Junge nnn Sie haben ja selbst gesehen, mit welcher Liebe die Kinder an mir hängen. Sie glauben nicht, was das für ein wunderbares Gefühl ist, wenn man ein zertrümmertes Glück wieder aufbauen darf.

Das Gnadenfest der heiligen Anna

von Llara Hohrath (Fortsetzung)

o gingen die Jahre hin. Eins immer schneller als das andre.

Ganz unversehens war Gwcnnola aus ihren alten Kleidchen heraus­gewachsen, und er, den sieihren Mann" hieß, hatte ihr in Donarnenez viele Meter Stoff zu einem nagelneuen Kleide kaufen müssen. Daran hatte sie eine gewaltige Freude gehabt. Freilich ein Festgewand war das nicht. Die Sehnsucht nach einem goldstrotzenden Prozessionskleid plagte sie noch immer, obwohl sie jetzt mitten drin saß im Glück: in einem Wohl- aufgeräumten Hanse, zwischen einer freundlichen Mutter nnd einem arbeitsamen, nüchternen Manne. Die Worte Quecherns, der Wahrsagerin, wollten in ihr nicht Zur Ruhe kommen: Du wirst es bekommen! Einmal sprach sie Gildas davon. Er hörte ihr aufmerksam zu, sah sie eine Weile nachdenklich an, antwortete aber nichts darauf. Vielleicht fand er sie kindisch und unbescheiden?

Sie wuchs aber auch aus diesem langen neuen Kleide heraus. Und wenn sie jetzt durch die Stalltür ging, mußte sie sich bücken. Das Wachsen geschah jedoch so allmählich, daß sie alle drei es kaum gewahr wurden.

Grenzboten IV 1908 8l