Beitrag 
Hauptmann Lindenbusch
Seite
601
Einzelbild herunterladen
 

Mcrtj-M«A»i?>M-.t »-^^>^WS>^^-

Hauptmann Lindenbusch

Line Skizze von Ernst Johann Groth

s war eine ergreifende Szene ans dem Garnisonfriedhof. Wir begrubeil einen verheirateten Landwehrmann, der, znr Seeschießübung eingezogen, von einer im Geschützrohr krepierenden Granate zerrissen worden war.

Ich kannte den Mann; er hieß Franz Krahl, war Kleinbauer und wohnte in meinem Heimntbezirk iu der Nähe meiner Vaterstadt. Sein Häuschen lag am Nenendorfer Feldweg, und seine junge Frau, eine hübsche, rotwangige Blondine, pflegte im Sommer jeden Mittwoch mit ihrer Karre nach der Stadt zn kommen, um dort Gemüse und Obst zu verkaufen. Während sie die Karre in flottem Marsche und mit kräftigen Armen vor sich hinschob, trabten ihre beiden Kinder, ein hübsches blondes Mädchen und ein kleiner dicker Junge, barfüßig ueben ihr nnd hielten sich an ihren fliegenden Röcken fest. Sie brauchte nicht weit in die Stadt hineinzufahren, denn da ihre Waren, die sie offenbar mit natürlichem Schönheitssinn wie Motive zu Stillebcn auf ihrer Karre geordnet hatte, sehr geschätzt wurden, so pflegte an der Roßkoppel, wo es in die Stadt hineinging, schon eine große Zahl von Weibern auf sie zu warten.

Es entstand dann gewöhnlich, besonders nn heißen Tagen, ein großes Drängen und Schreien, Schwatzen und Lachen, und im Nu waren die saftigen Früchte und sorgsam gezognen Gemüse verschwunden. Dann trocknete sich die junge Frau lacheud die heiße Stirn, schob ihr Weißes Kopftuch zurecht, setzte die Kinder auf die leere Karre und fuhr, strahlend vor Gesundheit, Glück und Zufriedenheit, nach ihrem Häuschen zurück.

Nun sah ich sie wieder auf dem Friedhof, mit deu beiden Kindern am Grabe ihres Mannes ein Bild des Jammers! Als der Pfarrer den letzten Segen ge­sprochen, die Regiineutsmnsik einen Choral gespielt hatte, nnd die ersten Erdschollen auf den Sarg geworfen wurdeu, gab sich die arme Frau ganz ihrem ungebandigten, leidenschaftlichen Schmerze hin. Sie warf sich auf die Kniee, schluchzte nnd schrie, sprang dann ans, versuchte, den Soldaten die Schaufeln aus der Hand zu reißen, ergriff ihre laut schreienden Kinder und konnte nur mit Mühe davon zurückgehalten werden, daß sie sich mit ihnen in das Grab stürzte. Man versuchte wiederholt, sie von der Gruft zu entfernen, aber sie riß sich immer wieder los nnd eilte unter Wehklagen zurück. Um den Jammer zu übertönen, mußte die Musik noch einen Choral spielen.

Endlich schien sich die unglückliche Frau etwas gefaßt zu haben, und der Feuerwerkshauptmann Lindenbusch trat auf sie zu, sprach einige tröstende Worte und wollte ihr die Hand reichen.

Sie trocknete sich die Tränen, richtete sich auf und musterte ihn von oben bis unten. Sie sind der Herr Hauptmann, rief sie mit bebender Stimme, der auf die Kanonenkugeln aufpassen soll; die Leute haben mir davon erzählt. Warum haben Sie nicht aufgepaßt? Nun liegt er da, mein guter Mann, stumm, tot, zerrissen. Aufpassen sollen Sie auf Ihre Soldaten und die schrecklichen Kanonen! Nein, Grenzboten IV 1908 80