Das Gnadenfest der heiligen Anna
von Clara Hohrath (Fortsetzung)
augsam bricht der Abend herein. Die Kreuze und Banner sind wieder in der Kirche verschwunden. Der Aufbruch beginnt, blitzschnell werden die Zelte zusammengerissen. Die Wagen und Karre» rasseln davon, der Menschen werden immer weniger auf dem großen zertretnen Festplntz Aufgeregt winkt Marie-Ange ihre kleine Gehilfin heran. Schnell, schnell — die Anker werden gelichtet — die Segel gerefft! Vorwärts! Vorwärts!
Und plötzlich sind sie alle fort. Einsam steht das fahrende Haus der Wahrsagerin noch allein auf der Düne, denn QueHern will erst am andern Morgen ihre immerwährende Reise fortsetzen.
Da steht Gwennola nun vor dem roten Vorhang und dreht ihr heißes Geldstück zwischen den Fingern. Ihr Herz klopft zum Zerspringen, sie hat den Mut nicht, den geheimnisvollen Vorhang aufzuheben und die große Wahrsagerin zu belästigen.
Da fährt sie zusammen. Der Vorhang wird von energischer Hand heruntergerissen und zusammengefaltet, es ist Quehern selbst, die das tut. Sie sieht das Kind stehn.
Was willst du? Du willst zu mir! sagt sie. Nola nickt.
Was mochtest du wissen? Ob du einen Mann bekommst, wenn dn groß bist?
Nola schüttelt den Kopf. Ob ich einmal ein Festkleid bekommen werde wie die reichen Damen in der Prozession!
Da lacht QuLhern. Komm her, sagt sie und ergreift Nolas Hand und sieht ihr in die Augen. Das Kiud zittert wie Espenlaub, dann wird es ganz still und steif, wie ein Vöglein, das eine Schlange im Bann hält.
Ich seh weit draußen auf dem Meer einen Schatten, sagt Quechern. Niemand weiß von ihm als ich. Nach dem sehnst du dich. Aber ein steinernes Bild steht zwischen ihm nnd dir . . .
Bekomme ich das Kleid? unterbricht sie das Kind, als spräche es im Tram».
Du Närrchen, sagt Quihern, ja du bekommst es!
Da reißt sich Nola los, stößt einen Freudenschrei aus und rennt davon mit ausgebreiteten Armen, wie ein junger Vogel, der das Fliegen probiert.
Die Düue rannte sie hinab, sprang wie eine Katze über das zerklüftete Gestein unten am Strande und wieder hinauf an der Klippenwand, auf der die Zollhütte stand, in der sich die alte Monik einquartiert hatte.
Da saß die alte Frau denn auch richtig auf ihrem Seegraslager.
Mutter Monik, schrie Nola sie an, ich bekomme ein Festkleid, wenn ich groß bin, mit Gold bestickt, aus schwerer bunter Seide, so kostbar — so — wie die reichen Mädchen in der Prozession — die Wahrsagerin hat es mir gesagt! Hörst du auch, Mütterchen?