Das Gnadenfest der heiligen Anna
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Mehr noch als das Heimweh in der Fremde sollte dieses schwerste Ereignis seines Lebens Storni zum Dichter in reichem, reifem Sinne schmieden. Das spürt — denke ich — jeder, der die Gedichte der kommenden Jahre und die Reihe der Novellen von ^.auis submer3us bis zum „Schimmelreiter" verfolgt. Ein solches Leid wühlt die Tiefen der Seele auf und wirkt fort, auch wen« neues Glück erblüht und „der Schmerz sich Well' um Welle schlafen leget".
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Das Gnadenfest der heiligen Anna
von Clara Hohrath
> in Land, in dem der Geist der Vergangenheit König ist, altes Herkommen das Recht vertritt und der Aberglaube die Religion ausmacht, ein Land voll phantastischer Schönheit, voll wilder, schwermütiger Poesie, das ist die Bretagne.
In einer Ecke dieses meerumbrandeten, seltsamen Landes steht auf ! kahler Düne eine Kirche, die Kirche der heiligen Anna-von-der- Palude, der großen Wundertäterin, der Schutzpatronin der Seefahrer.
Nicht weit davon liegt ein altes unansehnliches Bauerngehöft. In dem verwahrlosten Hause wohnt Jan Kerlaz, der Pächter, bei dem die Pilger den Schlüssel zur Kirche holen können. Doch ist dieser Jan Kerlaz selten daheim anzutreffen, sein Küsteramt verwaltet an seiner Statt ein Kind, die kleine Gwennola. In letzter Zeit aber macht eine arme, heimatlose alte Frau, Mutter Monik, die sich in einer ver- laßnen Zollwächterhütte droben auf den Klippen eingenistet hat, ihr dies Amt streitig. Mutter Monik ist nicht mehr aus dem Hause der heiligen Anna zu vertreiben, sie kehrt die Steinfliesen, wischt den Staub, zündet die Kerzen an, empfängt die Pilger und richtet in deren Auftrag lauge altmodische Gebetsansprachen an die liebe Heilige. Und Gwennola läßt sie großmütig gewähren, aus Mitleid, weil die arme Mutter Monik keine andre Freundin auf Erden mehr hat als die gute Heilige, keinen andern Trost, keine andre Freude als diese milde Freundin aller Leidenden, aller Friedlosen, aller Witwen und Waisen. Denn Mutter Monik sind außer dem Mann auch alle Söhne ertrunken, und vom Jüngsten hat sie nicht einmal den Totenschein erhalten können, Gott weiß, in welch fernen Meerestiefen sein Leichnam liegt. Nicht als ob das etwas ungewöhnliches wäre. Nein, das Leid Mutter Moniks ist fast alltäglich ZU nennen, sie teilt es mit vielen, vielen bretonischen Frauen. Auch der kleinen Gwennola sind drei Brüder entrissen worden von der wilden See, deren Sang Tag und Nacht ruhelos das einsame Haus umkreist, in dem sie seit der Mutter Tod als Hausfrau waltet. Seit sie den wassertriefenden Leichnam des Letzten dem Vater ins Haus getragen hatten, ist mit dem fleißigen, gutmütigen Mann eine traurige Wandlung vor sich gegangen. Er hat alle Arbeitsfreudigkeit verloren und hat das Trinken angefangen. Der Pächter von der Palude ist jetzt häufiger im Wirtshaus in Douarnenez, der nächsten Stadt, als bei sich daheim anzutreffen, und sein altkluges, wirtschaftliches Töchterchen schaut oft lange nach ihm aus, wenn er gar so lange nicht heimkommt.
Heute aber hatte das Kind nicht Zeit, vors Haus hinauszulaufen, nähte es doch der lieben Heiligen das Festkleid. Der freundliche Pfarrhcrr aus Douarnenez, der sie für ihre erste Kommunion vorbereitete, hatte ihr dies ehrenvolle Amt übertragen, nachdem sie ihm überzeugende Proben ihrer Nähkunst unter die Augen gehalten