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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Unsinn! Ich weiß ebensogut wie du, was du dir dabei gedacht hast. Du und deine ungezognen Kameraden, die sich über deine Unverschämtheit freuten! Geh hin und setz dich — wie eine Maus! " ' '
Der Oberlehrer hatte jedoch unverkennbar seine gute Laune wiedergewonnen. Er fing an, im Zimmer auf und nieder zu gehn, und nach und nach —^ mit vorsichtig prüfenden Versuchen — nahm die Situation wieder ihr früheres, gemütliches Gepräge an, einige von den Knaben setzten sich auf die Pulte, in ihre Lieb- lingsstellung mit baumelnden Beinen, ein andrer saß in einer Fensternische.
Nein, seht ihr, das ist eine traurige Geschichte — eine Geschichte von Betrug und Lügenhaftigkeit von Anfang bis zu Ende über ganz Europa, von den Freiheitskämpfen gegen den großen Napoleon und bis 1848 und weiter und weiter. Und nun sollt ihr euch einprägen, was ich euch hierüber sage, für euer Leben sollt ihr euch das merken. Denn wir leben noch heutigentags — und ihr werdet Männer werden uird euer eignes Leben leben — in demselben, in genau demselben Betrug. Wenn euch nicht das Glück beschieden sein sollte, teilzunehmen an der großen Wiedererhebung, an dem heiligen Siege der Gerechtigkeit — Herein!
Es war der Pedell. Jemand wünsche den Herrn Oberlehrer zn sprechen!
Er ging hinaus und kam gleich daranf sehr bestürzt wieder herein.
Ich muß laufen, meine Jungen. Es wird aus meinem Hause geschickt. Meine Frau — danke, mein Junge — wo ist denn nur mein Hut? Nein, danke, ja sitzet still — ich muß eilen — meine arme Frau ist — ach, sie ist krank. — Adieu, meine lieben jungen Freunde!
Draußen vor dem Schulgebäude stand eine Kutsche und wartete auf den Oberlehrer. Die Jungen standen am Fenster und sahen ihn in großer Eile davonfahren. , Es war das Gig des Kreisarztes, das ihn abgeholt hatte.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 25. Oktober 1908
(Landtagseröffnung. Wahlrechts- uud Besoldungsfragen in Preußen. Steuererhöhungen. Zur Orientkrisis.)
Die letzte Woche hat uns die feierliche Eröffnung des preußischen Landtags gebracht; der König in Person verlas die Thronrede. Und diese brachte gleich in den ersten Sätzen etwas Unerwartetes, die Ankündigung einer Reform des Wahlrechts. „Es ist mein Wille, daß die auf ihrer Grundlage (d. h. der Grundlage der Verfassung) erlassenen Vorschriften über das Wahlrecht zum Hause der Abgeordneten eine organische Fortentwicklung erfahren, welche der wirtschaftlichen Entwicklung, der Ausbreitung der Bildung und des politischen Verständnisses sowie der Erstarkung staatlichen Verantwortungsgefühls entspricht. Ich erblicke darin eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart." Freilich über den Weg, der dabei eingeschlagen werden soll, verrät die Thronrede noch nichts, ebensowenig über den Zeitpunkt der Reform. Es heißt nur, daß „umfassende Vorarbeiten" dazu notwendig find, und daß diese „mit allem Nachdruck" betrieben werden.
Es war vorauszusehen, daß der liberalen Presse diese Ankündigung nicht genug scheinen werde. Die Freunde der Reform sollten sich freilich sagen, daß es