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Was interessierte einen Gebildeten vor hundert Jahren?
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Line Hochzeit in Jerusalem

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Es würde zu weit führen, wollte ich noch mehr der Miscellen hier wieder­geben. Gewiß muß man manchmal den Kopf schütteln über das, was ein akademisch gebildeter Mann vor hundert Jahren für beachtenswert hielt. Aber wer weiß, wie man nach einem solchen Zeitraum über unsre Aufzeichnungen denken würde, wenn wir überhaupt noch welche niederschrieben; aber dazu haben wir keine Zeit.

Eine Hochzeit in Jerusalem

!s ist schon ganz still in unserm Hotel; die modernen Kreuzfahrer, die sich tagsüber an den Sehenswürdigkeiten müde gelaufen haben, gehn zeitig zur Ruhe. Da wird es lebendig im Hause. Ein Bote mit der Laterne in der Hand, in fliegender Eile, klopft auch an I meine Tür. Es ist der Bruder der Braut, der den Auftrag hat, zur Hochzeit zu laden und die Gaste in das Haus des Vaters der Braut zu geleiten. Wir haben kaum Zeit, uns notdürftig für das Fest zu rüsten. In Laufschritt geht es durch die engen steilen Straßen der Stadt in finsterer Nacht. Sie sind zu einem großen Teil überwölbt, der matte Schein der Laterne huscht über die Stufen, die den steilen Abstieg und Anstieg mildern. Wo die Straße frei ist oder ein Lichtschacht das Gewölbedunkel unterbricht, leuchten vom Himmel die Sterne herab. Das Haus der Braut liegt in einer engen Gasse des Araber­viertels. Von außen gesehn ist es wie fast alle Häuser an der Straße ein düsterer, elender Nohsteinbau, das Nohwerk der Mauer nur an wenigen Stellen von Fenstern durchbrochen. Ein finsterer schmutziger Torweg führt in den Hof. Hier ist Leben. Alle vier Seiten des Hofes sind von einstöckigen Gebäuden eingeschlossen. An den Ecken führen hölzerne Wendeltreppen zum ersten Stock­werk, worin sich die Wohnräume befinden. Ein hölzerner Altan geht um das ganze Häusergeviert nach dem Hof zu. Unbehindert kann man wie auf einem Rundgang das ganze Häusergeviert im ersten Stockwerk umschreiten und hat von da aus Zugang zu allen Wohnungen. Denn die Türen und die Fenster gehn alle nach dem Hof. Selbstverständlich nehmen die Hausgenossen an der Freude der feiernden Familie teil.

Wir werden ins Ehrenzimmer geleitet und vom Hausherrn empfangen. Zwei Stunden hatten wir Zeit, unsre durch die Eile der Ladung aufs höchste gespannten Erwartungen in Geduld zu fassen. Nicht weit von unsern Zimmern war das Zimmer der Frauen, die um die Braut versammelt waren. Dieses Zimmer zu betreten, wäre ein grober Verstoß gewesen, aber vom Altan konnten wir durch die offne Tür hineinschauen. Ein betäubender Lärm schallte uns schon beim Betreten des Hofes entgegen. Er kam von den Freudenliedern, die die Brautjungfrauen ohne Aufhören anstimmten. Jede Strophe des Liedes schließt mit dem Jubelruf hci-i-a, wobei das i mit einem kreischenden Kehllaut

Grenzboten IV 1908 19