Was interessierte einen Gebildeten vor hundert Jahren?
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genießbare, sondern die packendste Form gegeben hat. Man weiß, wie mächtig Carlyle auf die Anschauungen seiner Landsleute eingewirkt und dadurch die wohltätige soziale Wendung angebahnt hat, und wie er bis auf den heutigen Tag auch das deutsche Geistesleben beeinflußt. Darum erscheint mir der Nachweis — die Carlylcverehrer und Carlylegelehrten werden ihn zu prüfen haben —, daß aus Carlyle Saint-Simon spricht, als der wichtigste und interessanteste Abschnitt des Buches. _______
Was interessierte einen Gebildeten vor hundert
Iahren?
von Johannes Mättig
or mir liegt ein stattlicher Quartband mit 400 eng beschriebnen Seiten, der den Titel führt: Miscellanen, gesammelt von Karl Gottlob Willkomm. Angefangen den 20. Januar 1796 zu Leipzig. Als Willkomm diese Aufzeichnungen begann, war er Student der Theologie, später wurde er Diakonus in Ebersbach und starb als Pfarrer in Herwigsdorf bei Zittau. Er ist der Vater des Romanschriftstellers Ernst und des Botanikers Moritz Willkomm; durch Herausgabc mehrerer theologischer Schriften hat er sich seinerzeit einen Namen gemacht. Daß er sich aber außer für Theologie auch für andre Wissensgebiete lebhaft interessierte, dafür legt der erwähnte Band, in den er offenbar alles eintrug, was er in Büchern und Zeitschriften beachtenswertes fand, beredtes Zeugnis ab. Und es gewährt einen eignen Reiz, dem nachzugehn, was vor hundert Jahren ein vielseitig gebildeter Mann des Sammelns für wert hielt. Es sei darum hier das Wichtigste aus den ersten zwanzig Jahren der Aufzeichnungen, also aus dem Zeitraum 1796 bis 1816 mitgeteilt.
Bezeichnend für die Zeit beginnt die Sammlung mit Aufsätzen für Stammbücher. Neben Aussprüchen von Goethe: „Die Blüten unseres Lebens sind neue Erscheinungen, wie viele gehen vorüber ohne Früchte zu tragen, und wie wenige werden reif", von Klopstock: „Je tiefer des Guten Leben hier wurzelt, je höher wächst sein Gipfel, und je ausgebreiteteren Schatten geben die volleren Zweige", finden sich solche von Moses Mendelssohn, Hagedorn, Sterne, Joung, Selmar (Pseudonym für den Schweden Karl Gustav von Brinck- mann 1764 bis 1847) und andern jetzt verschollnen Dichtern. Die meisten dieser Sprüche tragen keinen Verfassernamen; zum großen Teil sind es überschwengliche Freundschaftsbeteuerungen im Stile der Zeit: Freund! wenn auch das Weltall bricht — Breche unsre Freundschaft nicht; Jahr und Tag und Leben flieh, Unsre Freundschaft altre nie!