Oberlehrer Hauk
Roman von Lernt Lie (Fortsetzung)
pät am Vormittag erwachte Svend Bugge. Er beschloß, daß die Familie Hauk bis heute mittag Rahe haben müsse, und daß er, taktvoll, bis heute nachmittag mit seinein Besuch warten wolle. So trieb er sich denn in der kleinen Stadt umher und stellte fest, daß es die blondeste Stadt sei, die er gesehn habe. Der Sonnenschein war nicht golden, er war weißlich. Die Hänserreihen hatten helle, blasse Farbe, eigentlich eine bunte Mannigfaltigkeit von Farben, aber alle zu einer blonden Einheit zusammengelaufen. Selbst wo die Farbe der Mauer dunkel war, wirkte das Haus dennoch hell infolge der unglanblichen Menge von Fenstern und blanken Fensterscheiben. Die lange Hanptstraße lief z» beiden Seiten in den Horizont hinein und fand dort ihren Abschluß iu hellblauen, fernen Bergen mit glitzerndem Schuee. Die Lnft war klar und schimmernd fein, der Sund, der an der einen Seite der Stadt entlang lief, war hellgrün mit bläulichem Perlmntterschein, und die Höhenzüge, die von oben her Schutz gewährten, waren frisch grün wie im Hochgebirge und übersät mit weißen Blnmen, weißen Birken und weißen Sommerhäusern mit Weißen Gartengittern.
Hoch oben am Ende eines breiten geradlinigen Hügels mit grünem Rasen an den Abhängen lag das Schnlgebände und starrte mit ferienleeren Fensteraugen iu die helle Luft hinaus.
Er mußte, wie er hier so ging, au Oberlehrer Hauk denken und versuchte ihn iu dieses Milieu hineinzuversetzen, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. Wenn auch das frische, von kräftigem, Weißem Bart und Haar umrahmte Gesicht an See und Wetter gemahnen mochte, gehörte doch der ganze Mann anderswo hin, in tiefere, weichere Luft, unter eine goldnere Sonne...
Aber noch unmöglicher war es doch, hier einen Platz für Frau Hauk zu finden — für Professor Hages Tochter! Er hatte immer von Professor Hages Töchtern gehört, daß sie im Auslande verheiratet seien. Und zwei von ihnen waren es ja auch, die eine von ihnen mit dem dänischen Kunsthistoriker, und die andre mit einein Professor nn der Sorbonne. Daß da überhaupt noch eine dritte war, hatte er niemals gewußt. Und die war also hier oben gestrandet. Wunderbare Wege des Schicksals! Julius Hage, der Römer, der Europäer!... Nun, sie sah auch verfroren genug aus!
Er aß zu Mittag im Hotel. Gegen vier Uhr machte er sich dann ans den Weg, die lange Hauptstraße hinauf und weiter die Landstraße am Snnd entlang, nach Süden zu. Nach einem Gang von zwanzig Minutcu stand er vor dem Hause, wo Oberlehrer Haut wohnte. Es war nach der Beschreibung sofort zu erkennen. Ein Stück abseits vom Wege lag es. Eine Allee führte zwischen blaßgrünen, großblättrigen Herakleen hinauf. Es war ein niedriges, langgestrecktes, einstöckiges Haus, weiß gestrichen und von allen Seiten tranlich umfriedigt mit Birken und Ebereschen, ein Grenzvoten IU 1ö08 86