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Vom deutschen Liberalismus
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Reiseeindrncke aus der Gstmark

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mochten. Die gegenwärtige Volksstimmung will die Aufrechterhaltung der Weltmachtstellung des Reichs und ist auch geneigt, die dafür nötigen Opfer zu bringen. Damit läßt sich für eine geschickte Regierung, aber auch für eine geschickte Parteileitung ein großer Schritt vorwärts tun. Aber dabei muß man sich hüten, sich den Weg zur Mitarbeit dadurch zu verschließen, daß man sich durch vorgefaßte Beschlüsse festlegt, wie es bei der Wahlrechts­frage der Fall war und jetzt wieder in Hinblick auf die Reichsfinanzreform geschieht. Einer Partei, die sich ohne Vorbehalt für die aus der Lage des Reichs sich ergebenden nationalen Forderungen einsetzt, werden auch iu Zukunft die Wähler nicht fehlen, wie die letzten Reichstagswahlen bewiesen haben, und werden sie vor den Sozialdemokraten schützeu, die doch die einzigen ernst zu nehmenden Bewerber um die liberalen Mandate sind. Die Mehrheit des deutscheu Volkes hat sich durch die jahrelang betricbne Flcischnothetze nicht von ihrer nationalen Haltung abdrängen lassen und wird es auch wegen Tabak- und Alkoholbesteuerung nicht tun, um so weniger nachdem ihr schon ein großer Erfolg gegen die Sozialdemokratie gelungen ist. Aber der Liberalismus, der noch immer die Sozialdemokratie als eine verwandte Partei betrachtet, hat in Deutschland keine Zukunft.

Reiseeindrücke aus der Ostmark

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ir glauben auf unsrer Reise durch Posen alle irgendwie über das technische Gebiet hinausragenden Schwierigkeiten bemerkt zu haben, die dem Kulturwerk in der Ostmark hemmend entgegenstehn. Der wichtigern ist in den voraufgegangnen Ausführungen gedacht worden über die Grundfrage des Ansiedlungsproblems mochten wir noch einen Gedanken aussprechcu. Die Grundfrage aber ist der Kampf um den Boden. Es handelt sich, wie wir gezeigt haben, nicht in erster Linie um den polnischen Boden, sondern um den in der Kultur zurückgebliebnen, aus dem erst durch die Verhältnisse teilweise polnischer Boden geworden ist. Durch das sogenannte Enteignungsgesetz ist dieser Kampf in eine neue Phase getreten oder sollte es wenigstens sein. Die Hauptaufgabe des Gesetzes liegt bekauutlich in der Beseitigung einer wüsten Bodenspekulation, die von Deutschen uud Polen in gleichem Maße von den: Augenblick an betrieben wurde, wo der Staat mit seinen Millionen Landküufer in der Ostmark zu werden begann. Ob das Gesetz seine Aufgabe erfüllt, läßt sich heute.noch nicht erkennen. Infolgedessen steht es den Gegnern des Gesetzes frei, an seiner Nützlichkeit zu zweifeln. Im Mai dieses Jahres ging die Nachricht durch die Presse, die Bodenpreise hätten in der Ostmark nachgelassen. Für diese Tatsache war aber ein natürlicher Grund

Grenzboten III 1908 69