Vom deutschen Liberalismus
lie ^rste französische Republik hatte eine auffällige Neigung für die Dreizahl. Die uralten Reichsbanner waren einfarbig gewesen, die nach der sinnreichen Heraldik des Mittelalters gebildeten Fürsten- und Adelsfahnen wiesen nie mehr als zwei Farben ! nebeneinander auf; die erste Republik dagegen faßte die Farben des weißen Lilieubauners und die Stadtfarben von Paris in ein Fahnentuch zusammen und schuf die „Trikolore". Das war etwas ganz neues, fand die gebührende Beachtung und wurde ein Muster und zugleich der Gattungsname für die Vcmner der nachher entstehenden europäischen Staatenbildungen. Belgien, Griechenland, Italien und auch das neue Deutsche Reich haben moderne Trikoloren. Die erste Republik erfand auch den Wahlspruch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Seit dieser Zeit ist der Dreitlcmg, der in ältern Devisen kaum vorkommt, im politischen Leben Mode geworden und wurde oft durch eine überflüssige Erweiterung mit einer gewissen Künstlichkcit erst geschaffen: Öffentlichkeit, Mündlichkeit und Unmittelbarkeit des Gerichtsverfahrens, allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht. Hier fällt gleich auf, daß in dem einen Dreiklang die Öffentlichkeit verlangt, im andern ausgeschlossen wird, obgleich ein Satz so liberal klingt wie der andre. Der Liberalismus des vorigen Jahrhunderts hatte sich auf dem Erbe der französischen Revolution aufgebaut und stellte sich gern als den Inhaber und Bewahrer des politischen gesunden Menschenverstandes hin. Seit er später noch die täuschendeu Gemeinplätze der Freihandelslehre Cobdens unter seine Fittiche genommen hatte, schien er es tatsächlich auch zu sein. Die Gebildeten aller Länder huldigten ihm, und wer sich fernhielt, galt einfach als Reaktionär. Der Liberalismus war in Wirklichkeit eine Macht geworden, nnd seine Einflüsse aus damaliger Zeit machen sich noch jetzt in nützlichem oder nachteiligem Sinne bemerkbar. Er säumte übrigens auch nicht, sich alle Errungenschaften der Zeit gutzuschreiben, namentlich die gewaltigen Fortschritte des Verkehrswesens. In dem damals allem wirtschaftlich entwickelten Grenzbotm III 1908 68