438
vom thrakischen Meere
Mit Absicht habe ich in diesem Aufsatz die jüngere Generation vorangestellt und eingehend charakterisiert. Auch die ältere Generation der Dichter der Gegenwart weist charaktervolle Balladendichter auf. Der bedeutendste unter den ältern und lebenden Valladendichtern ist jedenfalls Felix Dahn, dessen großzügige und nach englischen und nordischen Motiven und Stilen gedichtete Balladen freilich in der Kunst des Worts und der suggestiven, psychologischen Vertiefung nicht an Fontanes stofflich ähnlich gehaltene Balladen heranreichen; bekannt sind seine schwungvollen Gotenballaden. Paul Heyse vor allem hat künstlerisch sehr hoch zu bewertende, geistvolle Balladen gedichtet, wie Telemachos uud Das Fest der Alten. Von durchaus eigner Art sind als Balladendichter Heinrich von Neder (Der arme Sünder und Landsknechts- und Soldatenballaden) und Arthur Fitger, dessen fein nuancierte, sprachlich abgetönte und anschaulich wirkende Kunstballaden zu den besten der letzthin geschaffnen gehören. Martin Greif hat neben kleinern fast liedhaften Balladen, wie Die wilden Frauen von Untersberg und Der Geworbene, einige sinnschöne, poesievolle Romanzen, wie Held Neinhold, Prinzessin Rhodopis und Das klagende Lied gedichtet. Der äußerst fruchtbare Heinrich Vierordt, dessen humorvolle, fein ziselierte italienische Stimmungen mir lieber sind als alles andre von ihm, hat immerhin neben vielen Durchschnittsballaden einige bemerkenswerte Stücke wie Der Hexengeiger uud Der Clown geliefert, während Ernst von Wildenbruch als Balladendichter hauptsächlich durch das temperamentvolle Hexenlied bekannt geworden ist. Seine schönste Ballade ist meines Erachtens König Haralds Rosse. Von Dichterinnen seien in diesem Zusammenhange endlich erwähnt die als Persönlichkeit stark empfindende und phantasievolle Alberta von Putt- kamer und die für die Ballade besonders befähigte Alice von Gaudy.
^ _ Hans Benzmann
Vom thrakischen Meere
von <L. Frcdrich in Posen
3. Imbros
in 16. Mai 1904 zwei Uhr nachmittags lief das Kaik, das mich von Lemnos herübergetragen hatte, kräftig auf den weißen Strand am Pyrgos von Jmbros.*) Nach anfänglicher Windstille hatte eine lebhafte Tramontana uns die 25 Kilometer schließlich in sechs Stunden durcheilen lassen. Der Gegensatz der Insel, die ich kannte, und der beiden andern, die ich zunächst kennen lernen wollte, trat schon in diesen Stunden klar zutage. Lemnos schwamm hinter mir wie ein Blatt, in das einige Stecknadeln ganz tief hineingesteckt sind, Jmbros stellt sich als ein Gewirr höherer Berge dar, die teils rundlich, meist kegelförmig abgeschlossen sind; zur
*) Vgl. Grenzboten 190S IV, S. 311 ff., 1906 II, S, 634 ff.