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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 16. August 1908
(Die Monarchenbegegnungen in Cronberg und Jschl. Die Frage der englisch- deutschen Annäherung. Aus der sozialdemokratischen Partei.)
Die Mvnarchenbegegnuugen der letzten Woche haben Anlaß zu mancherlei Kommentaren gegeben, darunter auch zu solchen, die auf das kurze Gedächtnis der modernen zeitunglesenden Welt spekulieren. Man nimmt die Miene an, als habe mau vorher unter schwer herabhängenden Gewitterwolken gestanden, aus deuen jeden Augenblick der Blitz herniederfahren könne, während jetzt plötzlich das ganze Gewölk durch einen erlösenden Windstoß verjagt sei und der blaue Himmel wolkenlos über uns lache. Zu den Superlativen, die wir dieser Tage in manchen Schilderungen der Lage reichlich verwandt gesehen haben, vermögen wir uns uuu freilich nicht aufzuschwingen. Gerade weil wir die landläufigen Vorstellungen von der „Ein- kreisungspolitik" König Eduards niemals geteilt haben — weil wir uns nie vorstellen konnten, daß ein großes Weltreich mit einer Verfassung, wie sie England hat, seine Politik durch seinen König nach einem offenbar törichten, von persönlicher Rcmküue eingegebnen System führen lassen sollte — weil wir wußten, daß König Eduard als der kluge Staatsmann, der er jedenfalls ist, niemals die ihm bei uns vielfach angedichtete Politik treiben konnte —, darum vermögen wir auch nicht daran zu glauben, daß die Monarchenbegegnungen in Cronberg und Jschl das Antlitz der Weltlage wesentlich verändert haben. Trotzdem verzeichnen wir die Zusammenkunft, besonders die in Cronberg, mit Genugtuung als ein erfreuliches Symptom, als eine Bestätigung von Verhältnissen, die den Eingeweihten zwar nicht unbekannt und neu waren, deren öffentliche Bekundung jedoch zurzeit wertvoll genug ist. Es ist bekannt genug, daß die persönlichen Beziehungen zwischen König Eduard und Kaiser Wilhelm eine Zeit lang viel zu wünschen übrig ließen, indessen diese Verstimmungen liegen geraume Zeit hinter uns, und die jetzige Zusammenkunft in Cronberg hatte doch schon einige Vorläufer gehabt. Aber es besteht iu der öffentlichen Meinung die Neigung fort, gewisse Spannungen, die in der auswärtigen Lage von Zeit zu Zeit eutstehn, mit persönlichen Verstimmungen in Verbindung zu bringen, und deshalb läßt sich nicht leugnen, daß schon die einfache Bekundung, daß zwischen den Herrschern zweier großer Reiche persönlich herzliche Beziehungen bestehn, einen gewissen Wert hat. Auch darf man nicht übersehen, daß das nahe verwandtschaftliche Verhältnis zwischen Kaiser und König immerhin eine gewisse Rolle spielt, da das Unterbleiben einer Begegnung leicht eine andre Deutung hervorruft, als man sie der Lage geben würde, wenn solche verwandtschaftlichen Beziehungen nicht bestünden. Endlich sind die Monarchenbegegnungen ein positives Zeugnis dafür, daß Schwierigkeit«», die eine persönliche Aussprache der Herrscher nicht wünschenswert erscheinen lassen könnten, zurzeit nicht vorhanden sind. Denn es wäre leicht gewesen, die Zusammenkunft zu vermeiden, wenn irgendwelche politischen Gründe dagegen gesprochen hätten. So aber konnte die Anregung von König Eduard ausgehn, und Kaiser Wilhelm änderte bereitwillig seine Reisc- dispositionen.
Was den Wunsch König Eduards betrifft, mit seinem kaiserlichen Neffen zusammenzutreffen, so will es uns scheinen, als ob es die natürliche Folgerung aus der Tätigkeit ist, die der König in den letzten Jahren entfaltet hat. Diese Tätigkeit ging dahin, durch persönlichen Einfluß die Politik Englands im Sinne einer neuen Orientierung zu unterstützen, die durch die veränderte Weltlage notwendig geworden war. Die englische Politik mußte dabei eine Reihe von Verständigungs-