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Maßgebliches und Unmaßgebliches
sich darüber. Es war ein französischer Roman. Er las einige Zeilen, las hastig weiter, die halbe Seite hinunter — und fühlte, daß er dunkelrot wurde.
Ein Strom von brennenden Liebesworten — Monsieur Victor in Madames Boudoir—um Mitternacht — alle im Schlosse schliefen — sie wehrte sich — er drang in sie — sie flehte, beschwor ihn — der Gatte war nicht weit — Monsieur Victor flüsterte Fenergluten —und sie gab nach — gab nach —^ nach . .'.
Wie ein ertappter Dieb floh er aus der Laube. Er sah nach der Veranda hinauf, aber sie kam zum Glück »och nicht. ,
Er setzte sich auf eine Bank.
Verwirrt saß er da und kam sich vor wie jemand, der eine Niederträchtigkeit begangen hat. Als habe er durch das Schlüsselloch in ihr Kämmerlein gelugt — zu nächtlicher Stunde >— wie ein zweiter Monsieur Victor — er glühte vor Scham.
Also hier saß sie und las so etwas — in ihrem schwarzen Kleide — mit den großen, fast strengen Augen! . . .
Er kannte den Roman nicht; aber es war wohl eins von den berühmten Büchern, eins von denen, das man als gebildeter Mensch kennen mußte. Und sie War ja in hohem Maße literarisch gebildet. Natürlich war sie erhaben über alle möglichen Einzelheiten. Die moderne französische Literatur war nun einmal voll von dergleichen.
Nur er allein war ja unfein, wenn er auch nur einen Augenblick denken
konnte - ^ N"^r^ ^'
Aber aus dem innersten Innern seiner Gedanken schlich^sich gleichsam ein feiner Duft oder eine Süßigkeit halbklar über seiu ganzes Empfinden. ! Und er lächelte.
Sie war ja eiu junges Mädchen. Das schwarze, schlanke Kleid umschloß eiuen lebenden Menschen; in ihrem Wesen pochte das rote BliA, das ihre Wangen so fein färbte.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel Berlin, 9. August 1908
(Graf Zeppelin. Die Türkei und die europäische Lage.)
Die Gedanken unsrer Landsleute sind in der letzten Woche einmal gründlich von allen politischen Streitfragen im engern Sinne abgelenkt worden. Sie haben sich darauf besonnen, darauf besinnen müssen, mit wie starken Klammern unser ganzes Volk doch im Denken und Fühlen innerlich verbunden ist, obwohl wir uns gelegentlich noch immer so gebärden, als ob es zwischen verschiednen Stämmen, sozialen Schichten, politischen Parteien und künstlerischen oder wissenschaftlichen Richtungen kaum noch eine Brücke gäbe. In dem Augenblick, als bekannt wurde, daß der greise Graf Zeppelin, der soeben im Begriffe stand, den größten Erfolg seines Lebens zu erringen, infolge einer unerwarteten Katastrophe plötzlich vor den Trümmern seines mühsam gefügten Werkes stand, schnellte der deutsche Nationalgeist alsbald zu einer einzigen Empfindung empor. Weggeblasen war in diesem Augenblick jede kleinliche Engherzigkeit, jenes philisterhafte Überlegenheitsgefühl, das unsre Stammtische gewöhnlichen Schlages so oft beherrscht, wenn ein Mann, der sich erlaubt, über den Durchschnitt hervorzuragen, mit dem Erreichten hinter den Erwartungen der blöden, oberflächlich urteilenden Menge zurückbleibt. Mit