Zur Parteibildung
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nsre größer» Parteien leiten ihren Ursprung aus Zeiten her, die weit vor der Reichsgründung zurückliegen. Man spricht dabei gern von einer konservativen und einer liberalen Weltanschauung, in den letzten Jahrzehnten war sogar oft auch schon von einer sozialdemokratischen Weltanschauung die Rede. Mit solchen großen Worten schießt man über das Ziel hinaus, und der praktische Politiker weiß wenig damit anzufangen. Parteiprogramme sind durchaus nicht unabänderlich, die Bedürfnisse, die das Leben des Volkes mit sich bringt, wirken auf sie ein, sonst wird das bisher lebendige Parteigebilde zum Stein, von dem sich die Anhänger abwenden, während er nur noch von den Parteipfaffen verehrt wird, bis diese aussterben. In der Prinzipientrene liegt demnach die Stärke der Parteien nicht, sondern in der Befähigung, sich der Befriedigung der realen Bedürfnisse des Volks anzupassen. Das hat gerade die Geschichte der freisinnigen Partei bewiesen, und Eugen Richter war doch wirklich ein Mann, dem es nicht an reicher Befähigung und festem ehrlichen Wollen fehlte. Weil ihn aber das liberale Parteiprinzip in die unfruchtbarste Opposition trieb, kam diese nur der Sozialdemokratie als Vorfrucht zugute, und die meisten freisinnigen Wahlkreise gingen einer nach dem andern an die Sozialdemokraten verloren. Parteiprogramme können wohl zeitweise große Schichten der Bevölkerung ergreifen, sodaß sie allerdings in gewissem Sinne förmlichen Weltanschauungen gleichen, aber sie sind es keineswegs. Als treffliches Beispiel dafür muß das in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstcmdne Programm des deutschen Liberalismus gelten, das zur Zeit des preußischen Verfassungskonflikts nahezu das gesamte öffentliche Leben in Deutschland ergriffen hatte und doch in wenigen Monaten großer geschichtlicher Entscheidungen jede Bedeutung verlor. Mit der Gründung des Reichs und der Erkämpfnng einer nationalen Volksvertretung auf breiter Grundlage waren die Programmpunkte erreicht, die die großen Volkskreise angezogen hatten, die Dogmen vom Freihandel, vom parlamentarischen Regiments usw.
Grenzbotm III 1908 40