Kanada und Frankreich
von vi'. Johannes Tschiedel in Paris
ie Dreihundertjahrfeier von Quebecs Gründung erweckt in ganz Frankreich ein lebhaftes Echo. Nicht als ob die Beziehungen zwischen dem heutigen Kanada und Frankreich so überaus vortreffliche wären. Gewiß nicht. Man kann sogar sagen, das; sowohl die moralischen wie die materiellen, die geistigen wie die Handelsbeziehnngen keineswegs ungetrübte sind. Aber die Fülle der Erinnerungen, die bei dieser Gelegenheit geweckt werden!
Schon 1534 war ein Franzose Jacques Cartier den Lorenzstrom hincmf- gefahreu uud hatte das umliegende Land Xonvells Vranos getauft. Aber erst sehr viel spater, im Jahre 1608, begann die systematische Eroberung und Kolonisiernng des Landes dnrch die Franzosen. Es ist hier nicht meine Absicht, einen Abriß der kanadischen Geschichte zu geben. Nur darauf sei hingewiesen, daß zu den letzten Verteidigern des französischen Kanada gegen die Engländer der Marquis de Montcalm gehörte, der gegen den damals besten englischen General Wolfe 1759 die Schlacht von Quebec verlor. Wolfe selbst wurde tödlich verwundet. Aber während er schon die Fittiche des Todes über sich flattern spürte, kam ein Eilbote uud kündete: General, die Franzosen fliehen! Und Wolfe darauf mit dem letzten Aufwand seiner schwindenden Kraft: Ich sterbe glücklich! Die Gegner waren einander wert. Das ist kein Zweifel. Aber werden bei den Festen diese heroischen Kämpfe gefeiert werden? Heute im Zeichen der IZntentg oorcliglö? Symbolische Bedeutung hat es sicher, daß zu den Schiffen der französischen Flotte, die zu den kanadischen Festen geeilt ist, der stattliche Kreuzer Montcalm gehört. Aber die bei den Festen anwesenden Franzosen werden ebenso sicher nicht vergnügt sein, wenn sie von neuem hören müssen, wie leichtherzig damals die französische Regierung ihre schöne Kolonie aufgab, während sie zugleich sehen können, wie treu und zähe die Nachkommen der französischen Kolonisten ihr altes Franzoscn- tum bewahren.
Grenzboten III 1908 33