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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel Berlin, 26. Juli 1908

(Die Reise des Präsidenten Fallieres. Die jungtürkische Bewegung uud die

Türkei als Verfcissungsstaat. Begegnung König Eduards mit Kaiser Wilhelm. Lord Cromer. Panslawistisches.)

Man ist nachgerade daran gewöhnt, daß die Persönlichen Begegnungen der Monarchen, Staatsoberhäupter und leitenden Staatsmänner lange Zeit vorher zu den ausschweifendsten Phantasien uud Kombinationen benutzt werden. Natürlich hält der nachfolgende Verlauf der Ereignisse nicht immer, was diese Kombinationen zu versprechen schienen. Aber darum bleiben die erwähnten persönlichen Be­gegnungen doch bedeutungsvoll als ein ganz der modernen Zeit angepaßtes poli­tisches Verständigungsmittel. Gegenwärtig ist das Oberhaupt der französischen Republik auf einer solchen politischen Besuchsreise begriffen. Nachdem Präsident Fallieres in diesem Jahre seinen offiziellen Besuch in London abgestattet hatte, lag es im Sinne der französischen Politik nahe, daß er auch in St. Petersburg erschien. Uud da eine Reise des französischen Staatspräsidenten nach Rußland wegen der geographischen Unbequemlichkeit, die durch die Lage des Deutschen Reichs gegeben ist, notwendig zur See erfolgen muß, so konnte ein Besuch bei den nordischen Höfen, deren drei Throne in den letzten Jahren neu besetzt worden sind, sehr einfach damit verbunden werden. Wir haben natürlich keine Ver­anlassung, über die Reise des Präsidenten Fallieres irgendwelche Beklemmungen zu empfinden, da sie an der bestehenden Lage schwerlich etwas ändern wird. Daß sie von deutschfeindlichen Kreisen zur Stimmungsmache benutzt wird, ist beinahe selbstverständlich. Weniger selbstverständlich ist, wie plump das manchmal ange­fangen wird. So zog ein polnisches Blatt eine Parallele zwischen Frankreich und Dänemark als zwei Länder, die beide durch einen unglücklichen Krieg wertvolle Grenzprovinzen verloren hätten und so durch gemeinsame Trauer und gemeinsamen Haß verbunden seien. Sehr angenehme Empfindungen wird die Art dieses Ver­gleichs zwischen der Großmacht Frankreich und dem kleinen nordischen Staat in Frankreich selbst schwerlich hervorrufen, wenn man davon Kenntnis erhalten sollte. Die französischen Blätter sind in ihrer Mehrzahl vernünftig genug, die Reise ihres Präsidenten einfach als ein Symptom der friedlichen Gesinnung Frankreichs und seines Vertrauens in die Weltlage zu kennzeichnen. In diese Betrachtungen mischt sich mitunter der Ausdruck einer heimlichen Erwartung, die man andeuten, aber doch um keinen Preis eigentlich eingestehn will. Man denkt nämlich daran, daß die Hohenzollern, die deutsche Kaiserjacht, die den Kaiser von seiner Nordland- sahrt heimwärts und dann wieder das Kaiserpaar nach Stockholm führt, dieselben Gewässer zu passieren hat, durch die auch Fallieres den Kurs uimmt. Wie leicht könnte es da eine Begegnung geben, ein Ereignis von einer gewissen pikanten Merkwürdigkeit, gleichsam vom Zufall herbeigeführt und doch nicht ganz der Ab- sichtlichkeit entbehrend, so ganz dem sonderbaren Verhältnis entsprechend, das hinter dem offiziellen Haß Frankreichs gegen den Enkel des Siegers von Sedcm doch die heimliche Liebe für die die gallische Phantasie seltsam lockende Persönlichkeit des deutschen Herrschers hervorblicken läßt. Der Kaiser hat ja auch das manövrierende englische Geschwader auf seiner Fahrt nach Norden unvermutet getroffen; wer weiß, was sich noch weiter ereignen kann! In Deutschland freilich urteilt man sehr kühl und skeptisch über diese jedenfalls von unsrer Seite nicht beabsichtigte Mög­lichkeit. Ja es würde sich wohl bei einer Umfrage herausstellen, daß die Mehrheit Grenzboten III 1908 32