Bismarck als preußischer Landtagsabgeordneter
von Otto Tschirch
^. Bismarcks erste Wahl im Wahlkreise Brandenburg-Westhavelland
am 5. Februar
ehn Jahre sind dahingegangen, seit der große Nationalheld im Sachsenwalde die Augen für immer schloß. Solange er lebte, hat seine gewaltige Kampfesnatur Parteiung erregt und erhalten, jetzt ist der Streit allmählich zum Stillstand gekommen, und es wird möglich, den ersten politischen Genius Deutschlands in rein historischem Lichte zu sehen. Da zeigt es sich immer deutlicher, daß der Mann, der der Gründer der deutschen Einheit, der Bezwinger tausendjährigen deutschen Haders wurde, mit seinem Denken und Fühlen tief in dem heimischen Boden der Mark wurzelt. In der Frühzeit seiner politischen Tätigkeit erscheint er unter den schwärmerischen Aposteln der deutschen Einheit als ein schroffer Preuße, der die deutschen Bestrebungen als windige Träume belächelt und unter den Politischen Idealisten jener Zeit als ein unverstandner Realist, ein dreister Verteidiger des staatlichen Egoismus einherschreitet.
Will man den alten Bismarck richtig verstehn, so wird man nicht unterlassen dürfen, die Tage seiner ersten politischen Tätigkeit zu durchforschen, die Tage, wo er noch nicht in Frankfurt die Klinge mit den Diplomaten der Hofburg maß, sondern in der zweiten Kammer des preußischen Landtags als Vorkämpfer der alten preußischen Monarchie wirkte.
Seine Reden aus jener Zeit liegen längst gedruckt vor und geben uns ein klares Bild seiner damaligen politischen Anschauungen. Weniger bekannt ist die Geschichte seiner Wahlkandidatur und seiner Beziehungen zu dem märkischen Wahlkreise, der ihn dreimal in die zweite Kammer, einmal in das Volkshaus in Erfurt gewählt hat. Es ist mir gelungen, darüber manches neue Material an Briefen, Aufrufen, auch Bildern zusammenzubringen, das uh zum Teil schon an andrer Stelle veröffentlicht habe. Hier soll des jungen Grenzboten III 1908 27