Beitrag 
Reifezeit : Roman :
(Fortsetzung)
Seite
192
Einzelbild herunterladen
 

192

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Ich kann es nicht begreifen. Da läßt der Herr Doktor Roland seine Kinder hier bei Leuten spielen, an denen wirklich nichts ist. Und noch dazu in einem kleinen engen Zimmer, und in dieser schönen Sommerzeit. Und die Masern sind aus dem Hause noch niemals weg gewesen.

Ich holte also Minchen und Stinchen Roland aus einem kleinen, sehr übel­riechenden Hause, in dem sie in einem kleinen dumpfigen Loch auf der Erde saßen und nrit einem im Bette liegenden Kinde spielten. Minchen sah mich schief an, als ich plötzlich erschien; aber sie wagte doch keinen Widerstand, und ich brachte sie alle drei auf die Straße und ermähnte sie, sich gleich bei ihrem Vater zu melden.

Papa hat doch keine Zeit, sagte Minchen trotzig. Der hat nie Zeit für uns; Mama sagt es auch.

Geht heute nur zu ihm uud sagt von Tante Anneli, er sollte euch alle gleich ins Bett stecken. Nachher komme ich und frage, ob ihrs auch ausgerichtet habt.

Widerwillig gingen die drei kleinen Mädchen davon; aber sie gingen doch, und Fräulein Schilling, die Schneiderin, seufzte hinter ihnen her.

Ja, Frau Professor, mit dieser Nachbarschaft ist es hier nicht schön, und ich ärgere mich, daß ich die älteste Schwester zum Nähen hatte. Jetzt hat sie auch die Masern und läßt mich sitzen. Sie ist gar kein nettes Mädchen, und daß sie immer Frau Päpke in der Klinik besuchen darf, wundert uus alle. Aber Frau Päpke sie stockte und sah mich fragend an die Frau Doktor lebt doch noch, setzte sie leiser hinzu. Uud man kann es doch von dem Herrn Doktor nicht glauben. Das Kostüm kriegen Sie aber morgen ganz gewiß, wenn ich auch die ganze Nacht darum auf­sitze» soll.

Mir war unheimlich zumute, und ich ging eilig nach Hause. Jetzt ging ich lieber nicht in die Klinik und freute mich, wie am Abend die gute Miß Mnson kam und meine Erkundigung für mich übernehmen wollte. Doktor Roland ist leider verreist; der Minister, der neulich bei Monreals war, hat ihn in die Residenz bestellt. Seine Diagnose soll wieder einmal den Ausschlag geben. Aber Frau Päpke muß sich doch auf ihre Pflicht besinnen.

(Die mazedonische Frage und die Weltlage)

Professor Karl Lamprecht hat jüngst in einer politischen Ansprache gesagt, in Marokko und Mazedonien liege die Entscheidung über unsre Zukunft. Diese Äußerung, die in solcher Form übrigens nur nach ihrem Sinn, nicht nach ihrem Wortlaut wiedergegeben ist, hat einen lebhaften Widerhall gefunden und damit freilich auch die Proteste politischer Flaumacher hervorgerufen. Beanstanden kann man den Aus­spruch aber nur auf Grund einer mißverständlichen Deutung, als ob in Marokko und Mazedonien deutsche Interessen in besondern: Maße direkt engagiert seien. Das würde natürlich eine Übertreibung sein, aber es kommt nicht auf die Bedeutung dieser Fragen an sich an, sondern darauf, was für eine Rolle sie als Mittel zum Zweck in der internationalen Politik spielen. Nichts konnte vor achtuuddreißig Jahren dem deutschen Volke gleichgiltiger sein als die Frage, wer künftig nnf" dem spanischen

(Fortsetzung folgt)

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel

Berlin, 19. Jnli 1903